Rehkitzrettung im Allgäu – Drohnen für den Tierschutz

Moderne Zeiten im Allgäuer Frühling: Wenn Drohnen über Wiesen fliegen, ist das keine Spielerei, sondern eine Mission zur Rehkitzrettung. Die Jungtiere haben anfangs noch keinen Fluchtinstinkt und liegen versteckt im hohen Gras. Dort bleiben sie auch, wenn Landwirte mit ihren Mähmaschinen anrücken. Innovative Technik und ehrenamtliches Engagement wie das von Drohnenpilot Klaus Buhmann schützen den Rehnachwuchs vor den Gefahren durch die landwirtschaftlichen Maschinen.
Frühe Morgenstunden
Beginn der Mission Rehkitzrettung
Konzentriert blickt der 35-Jährige auf das Display seiner Fernsteuerung. Im noch schummrigen Licht der nahenden Morgendämmerung steht der Gestratzer in dunkler Kleidung und in Gummistiefeln zusammen mit seinem 21-jährigen Bruder Pius am Rand einer beinahe hüfthohen, noch feuchten Wiese im Gemeindegebiet seines Heimatortes. Landwirt Andreas Müller will an diesem Vormittag mähen und keinesfalls ein Rehkitz „erwischen“ – zumal die Wiese nahe am Waldrand liegt und er dort häufig Rehe sieht. Daher hat er sich am Vortag bei Klaus Buhmann gemeldet und ihn um Hilfe gebeten.
Landwirte sind gesetzlich in der Verantwortung für das Tierwohl auf ihren Flächen. Daher müssen sie geeignete Maßnahmen ergreifen, um den Mähtod zu verhindern. Dies bezieht sich auf Artikel 20a des Grundgesetzes in Verbindung mit § 1 und 17 des Tierschutzgesetzes.
Versteckte Gefahren im hohen Gras
Natürliche Tarnung der Rehkitze und kein Fluchtinstinkt
In der Regel werden Rehkitze von Mai bis Juni geboren. Nach der Geburt legen die Muttertiere ihre Kitze zum Schutze vor Fressfeinden, wie Füchse und Greifvögel, im hohen Gras ab. Sie bevorzugen Wiesen in Waldnähe.
In den ersten beiden Lebenswochen haben die Rehkitze noch keinen Fluchtinstinkt. Bei Gefahr drücken sie sich fest auf den Boden und verharren dort regungslos. Bei Fressfeinden funktioniert diese naturgegebene Strategie recht gut, da Rehkitze anfangs keinen ausgeprägten Eigengeruch haben. Das bewahrt sie gut vor dem Aufspüren durch Raubtiere. Fataler Weise nicht bei Mähmaschinen. Die sind genau in der Aufzuchtzeit der Rehe im Einsatz.
Rehkitzrettung als ehrenwertes Engagement
Um genau das zu verhindern, stehen Klaus und Pius seit vergangenem Frühjahr an etlichen Tagen gut vier Stunden früher auf als üblich – zumal sie nach ihrem Einsatz als Rehkitz-Retter nach einer Dusche und einem Frühstück zur Arbeit fahren.
„Mir geht es um den Tierschutz und auch darum, dass die Kitze nicht unnötig und qualvoll sterben“,
sagt der junge Gemeinderat und dreifache Vater. Die Anschaffungs- und Betriebskosten für die Drohne und ihre Zeit investieren er und sein Bruder gerne, freuen sich aber über eine Spende für ihren Einsatz.
Moderne Technik gegen den sicheren Tod von Rehkitzen. / Foto: V. Krauss
Suchen, finden, retten! Die Rehkitzretter in Aktion. / Fotos: V. Krauss / P. Buhmann
Präzisionsarbeit Rehkitzrettung: Drohne und Mensch im Team
Rehbabys sind auch für aufmerksame Landwirte „unsichtbar“
Jetzt schaut Klaus nochmal genauer auf das Display seiner Fernsteuerung, das sozusagen das Auge der Wärmebildkamera ist, die in etwa 50 Meter Flughöhe an einer Drohne über der Wiese schwebt. Noch ist es kühl und die Kontraste sind gut genug zu erkennen. Denn: Ein weißer Punkt inmitten der Wiesenfläche könnte ein Indiz dafür sein, dass hier ein warmer Körper auf dem noch kühlen Boden liegt. Und damit dem Mähwerk hilflos ausgeliefert ist, das sich mit seinen scharfen Messern ein paar Stunden später durchs hohe Gras „frisst“. Das naturgegebene Ducken der jungen Tiere macht sie meist auch für den aufmerksamsten Landwirt unsichtbar.
„Die landwirtschaftlichen Fahrzeuge sind heute so schnell unterwegs, dass ein Fahrer kaum noch rechtzeitig reagieren kann, falls er das Kitz überhaupt sieht“,
erklärt Klaus Buhmann.
Die Feinheiten der Wärmebildtechnik
Mit jedem Meter, den die Drohne über der Wiese zurücklegt, ändert sich das Bild auf dem Monitor: Schwarz-weiße Schlieren, viel Grau. All das lässt viel Spielraum für Deutungen. Die Kamera liefert die Daten, aber es braucht einen Menschen, der das Wärmebild lesen kann.
„Da, ein weißer Punkt“, sagt Klaus und schickt Pius los ins hohe Gras. Für die ersten rund 20 Meter gibt er ihm die Richtung noch per Handzeichen vor. Er schaut weiter aufs Display, nimmt gleichzeitig sein Handy aus der Jackentasche und drückt die eingespeicherte Nummer seines Bruders. Der läuft in einiger Entfernung schräg in Richtung eines Waldecks. „Jetzt weiter rechts, noch weiter, noch weiter. Guck nach der Drohne. Halt, jetzt dreh dich wieder bissel nach links“, sagt Klaus und blickt zwischen Monitor und Wiese hin- und her, um seinen Bruder exakt zu dem weißen Punkt zu lotsen.
Luftige Spürnasen: Wenn Drohnen führen und Menschen folgen
Kurz verschwindet Pius‘ Oberkörper mitsamt der gut sichtbaren hellgrauen Mütze auf dem Kopf und taucht wenig später wieder auf. Klaus hat sein Handy am Ohr und sagt: „Ah, ok. Auch gut.“ Diesmal sei es kein Rehkitz, sondern ein Maulwurfshügel, der ebenfalls mehr Wärme abstrahle als der übrige Wiesenboden, erklärt er dann in Richtung der journalistischen Begleitung.
Währenddessen kämmt sich Pius durchs hohe Gras zurück zu unserem Standort. Klaus schaut schon wieder aufs Display, die Drohne surrt beinahe 100 Meter von uns entfernt kaum sichtbar über die Wiese. Der Drohnenpilot lässt sie das Grundstück der Länge nach in versetzten Streifen vor und zurück fliegen. Noch weitere drei Male schickt er seinen Bruder an diesem Morgen in das grüne Meer aus hüfthohen Halmen. Die Drohne gibt entscheidende Hinweise, Gewissheit verschaffen können sich nur die Kitz-Retter selbst, die die Spur aufnehmen. An diesem frühen Maimorgen ist es jedes Mal falscher Alarm.
GPS fürs Gras: Wenn Technik Leben lokalisiert
Anders als ein paar Tage zuvor, als die Beiden gleich zwei Jungtiere in einer Wiese entdeckt haben. Mission „Rehkitzrettung“ erfolgreich. Mit Handschuhen ausgestattet und in jeder Hand zusätzlich eine dicke Lage Gras haben die Rehkitz-Retter die jungen Tiere zum Wiesenrand getragen. Dort haben sie die Kitze in mit Gras ausgepolsterte Klappkörbe gebettet. Das sogenannte „Fixieren“ in einem Korb außerhalb des zu mähenden Gebiets ist nötig, da die Kitze ansonsten zurück in die Wiese laufen. Schließlich wurden sie ja dort von der Mutter abgelegt.
Dem Landwirt geben die Brüder dann Bescheid, wo das Rehkitz in Sicherheit gebracht wurde. Üblicherweise lässt der es gleich nach der Mahd an der Fundstelle frei. Die kann ihm Klaus Buhmann als Standort per Smartphone und Google Maps übermitteln.
Erfolge und Ausblicke der Rehkitzrettung
Bilanz eines Rettungsjahres im West-Allgäu
2023, in ihrem ersten Jahr als Rehkitz-Retter sind Klaus und Pius rund 30 Mal mit Drohnenunterstützung für verschiedene Landwirte im Westallgäu im Umkreis von etwa 20 Kilometern rund um ihren Heimatort Gestratz im Einsatz gewesen. Dabei haben die beiden insgesamt 15 Rehkitze entdeckt und in Sicherheit gebracht.
In Sicherheit: Ein Rehkitz, gerettet durch Technik & Engagement. / Bildquelle: Pius Buhmann
Weiterführende Informationen
Klaus Buhmann ist für Drohnenflüge zur Rehkitz-Rettung erreichbar unter 0173/9957783
Am besten so früh wie möglich melden.
Weitere Rehkitz-Retter im Allgäu:
https://rehkitzrettung-buchloe-ostallgaeu.de/
https://www.kitzrettung-oa.de/
Auskunft über weitere Rehkitz-Retter und ihre Einsatzgebiete können unter Umständen auch die jeweiligen Kreisjagdverbände geben.
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