Wilde Klausen im Allgäu: Vom Klosatreiba und der Begeisterung für Heidnisches

Nach dem wilden Bärbeletreiben, jagen auch schon die Klausen – Rumpelklosa – am 5. und 6. Dezember durch die Allgäuer Dörfer. Inzwischen gibt es zahlreiche Klausenvereine, die das wilde Geschehen der Vergangenheit in sehr zahme Bahnen lenken. „Klausen jagen gehen“ ist familientauglich geworden. Und obwohl unser Brauchtum immer mehr zum Faschingsumzug degradiert wird, ist es trotzdem noch ein Highlight.
Klausen sind altes Brauchtum
Je näher die Alpen, umso authentischer ist die Tradition am 5. Dezember. Das gilt mit der Mystik immer. Die Menschen in den Alpen, waren lange auf sich alleine gestellt, da half der Glaube bekanntlich viel. Das mystische Allgäu wehrte sich eben lange standhaft gegen die Christianisierung. Durch das wilde Häß, lautes Glocken- und Schellengeläut, durch poltern und unerschrockenes Auftreten der Klausen wurden Dämonen und Geister vertrieben. Das Böse ergreift die Flucht.
So eine Theorie. Denn die Flucht ergriff meist derjenige, der richtig viel Schiß hatte. Es gab Zeiten, da trauten sich nicht mal mehr gestandene Männer vor die Haustüre. Denn das Brauchtum lief aus dem Ruder. Der Reihe nach …
Klausentreiben in Sonthofen
Es ist Abend. Dicht drängen sich die Menschen um die Glühweinstände. Es ist klar: Je dichter man steht, desto weniger kann der Rutenhieb einen treffen. Man hört von der Ferne schon das dumpfe Schellengeläut. Als würde eine Horde wildgewordener Stiere zum Marktplatz laufen. Es wummert. Der Adrenalinpegel steigt. Und es fällt uns ein, dass die Klausen gar nicht mehr zwischen den Buden laufen dürfen. Sie dürfen gar nicht mehr mit ihren Ruten auf die Beine schlagen.
Haben sich zuviele haben sich über das „brutale Vorgehen“ der Taditionalisten beschwert? Gehört in unseren friedliebenden Zeiten die Rute gar nicht mehr zum Klaus? Ist es gut, dass heidnisches Brauchtum so eingeschränkt wird, dass das ganze Spektakel nur noch zum Schaulaufen auf dem Klausen-Walk reduziert wird?
Fragen über Fragen, aber die Stimmung ist klasse. Glühweinduft vermischt mit Bratwurst zieht in die Nase. Das Getöse wird immer lauter und wir gehen auch zum Klausen schauen. Und JA, sie sind beeindruckend. Sie sind angsteinflößend und sie sind schaurig schön, mit ihren Masken.
Zeitreise in die 70er
Klausentreiben für Mutige
Als Gassen-Kind (Alter zwischen 8 und 12 Jahren), als wir ständig draußen umanand g´hägelet sind, da war der Klausentag die Adrenalindröhnung schlechthin. Nur die Mutigsten der Mutigen wagten sich abends alleine zum Dorfplatz.
Das Klausentreiben war bislang nicht organisiert. Meist waren große Jungs von der Feuerwehr oder dem örtlichen Fußballverein als Klausen verkleidet. Die Felljacken waren kurz und eine Fellmütze musste damals reichen. So konnten die Klausen schneller hinter uns Kinder herjagen. Dafür waren die Weidenruten gut geschnürt.
Ja, wir wussten, dass wir uns nicht erwischen lassen durften. Die Angst vor blauen Flecken, Striemen, kaputten Hosen und aufgeschürften Knien vom „Strafbeten“ ließen uns schnell laufen. Und ja, wir wollten trotzdem die Klausen auch trätzen und ärgern. Es war eine Mutprobe. Wer traut sich am nächsten hin?
Die Flucht ging gerne über den Friedhof hinter Grabsteine, und wir kannten die geheimen Fluchtwege durch die Gärten. Für uns Kinder war das mutiges Allgäuer Flachland Brauchtum.
Zu dieser Zeit traute man sich im südlichen Oberallgäu schon lange nicht mehr auf die Straße. Das Brauchtum wurde von Schlägertrupps für Gewalttaten missbraucht. Verkleidet und unkenntlich tobte sich ein Mob aus. Rigoros und anstandslos. Auch viele ehrliche Klausen wurden zu Opfern.
Auch unser unschuldiges Klausentreiben endete jäh, als einer von uns mit einem Stacheldraht – eingebunden in die Weidenrute – erwischt wurde. Da war Schluss mit lustig.
1974 Gründung des ersten Klausenvereins
Um die Auswüchse in den Griff zu bekommen, formierten sich die ersten Klausenvereine. Kein Klaus durfte mehr ohne Erkennungsmarke sein Unwesen treiben. Und das war gut so.
Haarig der Geselle | Foto: U. Heerdegen
Klausentreiben – ein Familienevent
Klausentreiben ist eigendlich der völlig falsche Begriff, denn die Klausen werden nicht getrieben – sie treiben: nämlich die jungen, frechen Mädels und Jungs. Also diejenigen, die sich provozierend vor die Absperrung wagen.
Hinter der Absperrung kann man in Ruhe zuschauen, die Masken bewundern und so ein kleines Angst kribbeln spüren … ob er doch noch zuschlägt?
Es ist schön, dass alle Zuschauer das Spektakel sehen können, ohne Angst haben zu müssen. Für die wilden Gesellen ist es etwas schade, denn Wildheit braucht ja immer auch einen passenden Rahmen. Der CatWalk gehört nicht wirklich dazu.
Also was ist noch Brauchtum und was reine Besucherattraktion?
Provokant gefragt: Wie viel Rutenhiebe verträgt Brauchtum?
Leckere Klausenmändle
Für diejenigen, die die Kraft der Ursprungsklausen kulinarisch zu sich nehmen wollen, der sollte die Klausenmändle probieren. Es ist nur Hefeteig, aber das Mändle symbolisiert eine Naturgottheit. Die Energie geht direkt von der Hand in den Magen. Besonders gut – sagt man – mit würzigem Glühwein! 😉
Unterwegs in Sonthofen … | Foto: U. Heerdegen
Klausenverein Sonthofen e.V.: Der größte und bekannteste Klausenverein im Allgäu, der seit 1976 besteht und über 300 Mitglieder hat. Er organisiert jedes Jahr das Klausentreiben in Sonthofen und nimmt auch an anderen Veranstaltungen in der Region teil.
Klausen und Bärbeleverein Immenstadt e.V.: Ein Verein, der das traditionelle Bärbele- und Klausentreiben in Immenstadt pflegt und fördert. Er bietet auch Informationen und Bilder über den Brauch an.
Termine 2023
Nichts mehr verpassen!
Neues, Tipps und unsere Lieblingsplätze bequem ins Postfach liefern lassen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere InformationenInfos zum Klausentreiben:
Im Allgäu wird der Brauch Klausentreiben genannt, in der Schweiz Klausjagen oder Chlausjagen, im Südtiroler Stilfs Klosn. Im bairisch-österreichischen Ostalpenraum und angrenzenden Gebieten entspricht das dem Krampuslauf.
Der Ursprung des Brauches ist umstritten. Einige Autoren führen ihn zurück auf Umzüge aus heidnischen Zeiten. Selbst im Schwedenkrieg wurde dieser Brauch nicht ganz eingestellt. Besonders der kalte und dunkle Winter war für die Menschen in früherer Zeit beherrscht von dunklen Gestalten, Dämonen, Windsbräuten und vor allem von der Wilden Jagd. Dabei verkleideten sich die ledigen Burschen mit Fellen und Tierhäuten aller Art und banden sich Schellen und Ketten um den Leib, um so mit möglichst viel Lärm in der Nacht durch die Orte und die Häuser zu poltern. Durch die Hörner und das wilde Häß (Gewand), aber vor allem auch durch lautes Rufen, Kettenrasseln und das Läuten mit Schellen und Glocken wollte man diese Gestalten fernhalten, erschrecken und vertreiben; man wollte vorgaukeln, dass hier bereits Geister ihr Unwesen trieben.
Die Verkleidung der Klausen ist sehr aufwendig und individuell gestaltet. Die Herstellung einer Klausenmaske ist ein Kunsthandwerk, das viel Geschick und Kreativität erfordert. Das Klausentreiben ist heute ein beliebtes Familienvergnügen, das viele Zuschauer anlockt.
Dieser Text wurde unabhängig recherchiert.
Es bestand kein Auftrag. Es wurde nichts bezahlt.
Eventuell sind Affiliate-Links im Text enthalten.
Der gesamte Beitrag ist Eigentum des Autors!

Als Online-Handwerkerin mit viel Begeisterung für Mensch, Technik & die Region rückt sie Geschichten ins richtige Licht. So werden Texte und Inhalte im Internet gefunden.
Fundiert
JournalistInnen & TexterInnen recherchieren und berichten.
Lesenswert
Weil wir Dich mit allen Sinnen in die Geschichten mit rein nehmen.
Einfach
Das Neueste senden wir Dir bequem in Dein eMail Postfach.
Anders
Wunderbare Geschichten, die berühren und informieren.