Storytelling für das Allgäu
Klein. Schwarz. Kantig. Aber oho! Das Magazin Aicher mitten in Isny – gleich neben dem Kurhaus – ist Isny‘s Geburtstagsgeschenk für Otl Aicher. In diesem Jahr wäre er 100 geworden. Denn Otl Aicher hat die Stadt Isny auch sehr bereichert. Der Ausnahme-Designer hat für die Stadt eine einzigartige Stadtwerbung entwickelt.  

Zum Hören:

Zum Lesen:

Die „Verpackung“ des Geburtstagsgeschenks von der Stadt Isny an den Star-Designer Otl Aicher ist ein kleines Gebäude. Es steht im Kurpark, gleich neben dem Kurhaus, mitten in Isny und ist kaum größer als ein Gartenschuppen. Aber viel ästhetischer. – Ein Hingucker. Und: Das Gebäude steht nicht gerade, sondern schräg. So, als ob jemand vergessen hätte, es gerade zu rücken.

„Kein Architekt würde ein Gebäude so mit der Kante in den Weg stellen“,

schmunzelt Petra Frey. Sie ist selbst Architektin und Gästeführerin für Isny Marketing. In den letzten Monaten hat sie mehrere hundert Erwachsene und Kinder durch das Aicher Magazin geführt. Dass das Gebäude aus Sicht von ordnungsliebenden Menschen aus der Reihe tanzt, ist pure Absicht.

„Man wollte Otl Aicher nicht in einem Prunksaal präsentieren, weil es ihm nicht gerecht geworden wäre. – Otl Aicher war kantig, provokativ. Das alles drückt das Gebäude aus.“

Otl Aicher macht Kunst so klein, wie Küchenkacheln

Das Gebäude selbst gehört zur Ausstellung dazu. Die Kunstwerke sind an den Innen- und Außenwänden angebracht. Wie Pfefferkuchen an einem Hexenhäuschen hängen die Piktogramme bzw. Bildzeichen, wie sie hier heißen, an den Wänden. Geradlinig, akkurat. In einer Linie. Eins neben dem anderen.

Die Bildzeichen sind klein – ungefähr so groß wie Küchenkacheln – sie sehen quadratisch aus, sind aber Fast-Quadrate: 22,3 cm breit und 21 cm hoch. Auf den weißen Fast-Quadraten sind Zeichnungen. Die Kunst ist die Schlichtheit. Das Originelle, die Farbgebung. Alle Zeichnungen sind in schwarz und weiß.

Schwarzes Gebäude: Das Otl Aicher Magazin

Das Aicher-Magazin im Kurpark in Isny / Bildquelle: IMG, Foto: C. Morlok

Otl Aicher zeichnet das farbenprächtige Allgäu in schwarz-weiß

Und das soll eine Marketing-Kampagne für die Stadt Isny sein? Nur Umrisse, viele gerade Linien und vor allem: alles nur in schwarz-weiß für eine Gegend, in der das Grün nur so strotzt, der Himmel oft strahlend blau ist und so viele Farben prächtig leuchten? Ja, tatsächlich. Das war auch wirklich ein Problem.

Viele Isnyer, sagt auch Karin Konrad von Isny Marketing, konnten und können auch jetzt noch überhaupt nichts mit diesen schwarz-weißen und sehr reduzierten Bildern anfangen. 

„Die Reaktionen waren entweder total begeistert oder sie waren total ablehnend.“

Und das galt damals, wie heute.

Isny ist zu vielfältig für ein einziges Aicher-Logo

Aber Isny wäre nicht Isny, wenn es sich von solchen Stimmen hätte beeinflussen lassen. Die Stadt hat Otl Aicher in den 1970er und 80er Jahren über Jahre hinweg immer wieder beauftragt neue Bildzeichen zu erstellen. 136 Stück sind es geworden. Ein einziges Logo – so wie Aicher sie zum Beispiel für Lufthansa oder Bulthaup entworfen hat – wäre der Vielfältigkeit von Isny und dem Umland nicht gerecht geworden, befand der Designer. Er wollte das abbilden, was Isny und das Allgäu um Isny ausmacht.

Karin Konrad von Isny Marketing vor einem Bildzeichen von Otl Aicher

Karin Konrad von Isny Marketing / Bildquelle: MA, Foto: S. Grimme

Käse, Bierkrüge, Wolken, Regen, Skier, Felder, Bäche, Füchse, Katzen, Kühe, auch typische Bauernhäuser oder traditionelle Küchen-Öfen… Aicher hat auf den einzelnen Bildzeichen gezeichnet, was Isny und das Allgäu ausmachen.  – Alles extrem reduziert: Linien, Kreise, Umrisse. In schwarz-weiß.

Mut, Neid und Lob für Aicher-Stadtmarketing

Mit seinen Piktogrammen und Bildzeichen war Aicher dem Trend um so einige Jahrzehnte voraus. Jetzt zahlt sich diese Weitsicht von Aicher und Isny aus: Heutzutage ist so ein reduziertes Design In. Und Isny hat ein extrem modernes Corporate Design für die Stadtwerbung und ist darauf durchaus stolz, sagt Karin Konrad von Isny Marketing.

„Isny wird wahnsinnig dafür beneidet, gerade von Menschen, die designaffin sind, dass wir mit diesen Bildzeichen bis heute arbeiten dürfen.“

Das spiegelt sich auch an der Herkunft der Besucher wider. Tatsächlich kommen design- und architekturliebende Menschen extra wegen der Ausstellung nach Isny, beobachtet Karin Konrad.

Führung im Otl-Aicher-Magazin

Führung im Aicher-Magazin / Bildquelle: IMG, Foto: C. Morlok

Immer mehr Otl-Aicher-Enthusiasten

Und auch immer mehr Isnyer seien mittlerweile auf „ihre“ ungewöhnlich Otl-Aicher-Werbung echt stolz. Auch dank des Aicher Magazins und der Führungen. Dazu beigetragen hat sicherlich, dass an der Ausstellung auch viele Isnyerinnen und Allgäuer mitgewirkt haben. Mithilfe von QR-Codes an den Bildzeichen erzählen sie selbst: über Brezgen, Markttage, das Wetter oder typische Bauernhäuser.

„Weniger ist mehr“

Im Magazin Aicher werden Stadtgeschichte, Traditionen und Lebensweisen trotz – oder gerade wegen – der Einfachheit der Zeichnungen erstaunlich lebendig.

„Ich habe die Bilder bisher anders gesehen. 

Jetzt finde ich sie viel interessanter und faszinierender,“

gesteht Christine Prinz aus Isny. Und auch Elisabeth aus Ottobeuren fühlt sich nach der Führung im Aicher Magazin sehr gut informiert. „Diese Vertiefung hier hat mich sehr bereichert. Dieses schwarz-weiß und diese Reduktion klärt den Geist. Weniger ist mehr.“ Und Theo Class, der ebenfalls an der Führung teilgenommen hat, fügt hinzu, dass er erstaunt ist, was die Bildzeichen in ihrer Einfachheit alles ausdrücken.

„Das fasziniert mich. Wie viele Informationen von der Isnyer Geschichte drinnen sind, das war mir vorher nicht bewusst.“

 

Besucher beim Aicher-Magazin

Besucher im Aicher-Magazin vor Portrait von Otl Aicher / Bildquelle: IMG, Foto: C. Morlok

Weiterführende Informationen

Wer war Otl Aicher?

Otl Aicher gilt als einer der bedeutendsten Grafikdesigner des 20. Jahrhunderts. Am 13. Mai 1922 wurde er in Ulm geboren.

Olympia 1972

Aicher und sein Team entwickelten ein weltweit vielbeachtetes, einzigartiges Corporate Design für die Olympischen Spiele 1972 in München. Die sehr einfachen schwarz-weißen Piktogramme werden bis heute in Sportstätten und im alltäglichen Leben eingesetzt.

Global Player

Für Firmen, wie die Fluggesellschaft Lufthansa oder den Küchenhersteller Bulthaup, hat er in ähnlich einfachem Stil Logos entworfen.

Schriftart

Auch eine Schriftart hat er entwickelt: Rotis, benannt nach dem Weiler bei Leutkirch im Allgäu, in dem er viele Jahre lebte und arbeitete.

Isny im Allgäu

Aicher hat zu Isny einen besonderen Bezug entwickelt, während er im 25 Kilometer entfernten Rotis lebte. Seine Streifzüge durch die Natur führten ihn immer wieder auch nach Isny. Für die Stadt entwickelte er in den 70er und 80er Jahren ein Corporate Design: Insgesamt 136 Bildzeichen, die das Leben, Arbeiten, Landschaft, Tierreich, Traditionen und Bräuche von Isny und dem Allgäu eindrucksvoll widerspiegeln.

Tipp fürs Aicher-Magazin

Das Aicher-Magazin ist täglich, kostenfrei und 24/7 geöffnet.

Wenn es regnet, sollte man einen Schirm mitnehmen –die Ausstellung ist nicht überdacht.

Dieser Text wurde unabhängig recherchiert.
Es bestand kein Auftrag. Es wurde nichts bezahlt.
Der gesamte Beitrag ist Eigentum des Autors!

Fundiert

JournalistInnen & TexterInnen recherchieren und berichten.

Anders

Wunderbare Geschichten, die berühren und informieren.

Lesenswert

Weil wir Dich mit allen Sinnen in die Geschichten mit rein nehmen.