Storytelling für das Allgäu

Wie ist es, Menschen in den Tod zu begleiten? Autorin Stefanie Böck ist den Pflegekräften im Hospiz in Wangen bei ihrer Arbeit in die Zimmer gefolgt – und dabei einem Stück Himmel auf Erden begegnet. Eine bewegende Recherche.

Die letzte Station – ganz oben in Wangen

WANGEN – Ein silberner Klingelknopf. Darüber das Wort „Hospiz am Engelberg“. Dahinter: der bevorstehende Tod. Acht Menschen leben hier im fünften Stock im Krankenhaus in Wangen in Einzelzimmern mit der Gewissheit, dass sie sterben werden. Vor großen Panoramascheiben Richtung Alpenkette, ohne Aussicht auf Heilung.

In meinem Kopf hallen die Worte eines Bekannten nach: „Muss das sein? Muss man aus einem Hospiz berichten?“ Ja, muss man. Wenn ein Hospiz Pflegefachkräfte sucht, um das Team zu entlasten, dann ist es höchste Zeit zu schauen, warum es attraktiv ist, hier zu arbeiten.

Arbeiten im Hospiz – der Tod ist nah, und doch ganz anders

Herausforderung Nummer eins spüre ich schon an der Schwelle: Ich habe Respekt. Vor dem Tod, vor der Aufgabe, vor diesem Ort, den ich mir unendlich traurig vorstelle. Tür auf, Überraschung an: Statt Klagen höre ich Lachen. Und Plaudern. Eine Schwester begrüßt mich mit bester Laune. Hier scheint es fröhlich zuzugehen.

Kurz darauf stelle ich fest: Das liegt vor allem an den Pflegekräften, die hier im Hospiz arbeiten. Alle 20 Mitarbeiterinnen, die tagsüber zu zweit eine Schicht übernehmen, sind ausgesprochen sympathische Persönlichkeiten. Sie haben eine Ausbildung als Krankenschwester oder als Altenpflegerin absolviert und bringen mindestens zwei Jahre Berufserfahrung mit.

„Dazu haben wir alle eine Spezialausbildung in Palliativmedizin, die aber zu Beginn keine Voraussetzung ist“, erklärt Lisa Knaebel, die sich schon seit 14 Jahren um sterbende Menschen kümmert. Neuen Kollegen zeigt sie ganz langsam, worum es bei der Arbeit im Hospiz hauptsächlich geht. „Das lernt man alles – Schritt für Schritt.“

Alles heißt konkret: Eine würdevolle Begleitung in der letzten Lebensphase.

Die Frage ist: Wie geht das genau? Wie kümmert man sich um sterbenskranke Menschen? Und wie kommt man damit im Alltag zurecht?

Arbeiten im Hospiz - mit Zeit und guter Energie

Die Mitarbeiter haben Zeit für ihre Gäste im Hospiz / Foto: Stefanie Zehender

Zur Probe arbeiten im Hospiz Wangen

Für die Recherche schlüpfe ich selbst in einen Kasack, eine Art Hemd, das Mitarbeiter in der Pflege tragen. Ich will sehen, wie der Arbeitsalltag aussieht und warum sich das Team gerne dieser schwierigen Aufgabe stellt. „Bereit?“, fragt Kollegin Carmen Munz liebevoll lächelnd. Ich blicke in auffallend freundliche Augen mit sorgfältig getuschten Wimpern. Ich denke: „Nein“ und sage: „Ja.“ Los geht’s.

Mit einem leisen Knacken geht die erste Tür auf. Mir zittern die Knie. „Endlich“, sagt eine weißhaarige Frau. „Freuen Sie sich, mich zu sehen?“, wischt Schwester Carmen zwinkernd die schlechte Laune einfach weg. Die Frau im Bett versucht, nicht zu lächeln – freut sich dann aber doch.

Lächeln, Wärme & ein Bier

Nach ein paar dynamischen Schritten lässt die Altenpflegerin bewusst Ruhe einkehren und setzt sich behutsam auf die Bettkante. Blickkontakt. Schweigen. Lächeln. Wärme. Carmen ist da. Und zwar ganz. Sie schaut der Patientin ruhig in die Augen und streichelt ihr über die pergamentartige Haut am Unterarm.

Nach einer Weile fragt sie leise: „Na? Was kann ich Ihnen heute Gutes tun?“ Die Antwort kommt prompt und mit einem Lächeln: „Ein Bier.“ Kurz darauf rinnt das kühle Getränk über einen Trinkhalm die Kehle hinab. Schluck für Schluck. Dazwischen Pausen. Ganz entspannt – in ihrem Tempo. Carmen stellt sich darauf ein.

Körperpflege hat manchmal auch etwas mit Schönheit zu tun

„Das muss irre wehtun“, sagt sie, während sie später vorsichtig das Bein neu bettet. Ich fühle mit. Die Frau hält der Bewegung tapfer stand und erntet am Ende großes Lob: „Gut gemacht.“

Dann kommt das Highlight des Tages: der Kamm. Mit geschlossenen Augen nimmt die Frau die sanften Striche über ihre Kopfhaut wahr. Bis alle Haare ordentlich liegen. Jetzt noch Labello. „Den mag sie so gern. Das riecht gut und fühlt sich weich an.“

Langsam reibt die Patientin ihre Lippen aufeinander. Wie beim letzten Blick in den Spiegel. Als wäre sie bereit, zu gehen. Fernsehen? Nein – heute kein „Bares für Rares“. Lieber aus dem Fenster schauen. Von Wangen aus ins Allgäu. Auf die Nagelfluhkette, die von jedem Zimmer aus im fünften Stock am Engelberg zu sehen ist.

Schönheitspflege im Hospiz Wangen

Zeit für entspannte Körperpflege / Foto: Stefanie Zehender

Arbeiten im Hospiz heißt „Lebensqualität schaffen“

Tür auf, Tür zu. Wunsch für Wunsch. Ein Zimmer nach dem anderen. Eine Frau braucht Hilfe bei dem Weg auf die Toilette. Eine andere will von ihrem Problem mit der Bettdecke erzählen. Eine dritte plagen Bauchschmerzen – ein warmes Kirschkernkissen hilft.

Die Schwestern schauen im Sinne der Pflege rund um die Uhr nach den „Gästen“, wie die schwerkranken Menschen im Hospiz am Engelberg heißen. Im Schnitt bleiben sie rund 25 Tage. Die Aufgabe: „Lebensqualität schaffen“, sagt Carmen, die 16 Jahre lang in einem Seniorenheim tätig war.

„Manche sagen, sie hätten es ihr ganzes Leben nicht so schön gehabt wie hier im Hospiz.“ Das freut die Mitarbeiterin natürlich – denn ihr geht es genauso. Im Hospiz sei sie nach vielen Berufsjahren als Altenpflegerin „endlich angekommen“. Beim Verteilen der Sahne auf dem Eiskaffee für die Frau aus Zimmer vier, erzählt sie von ihrem früheren Job: „Im Seniorenheim muss alles sehr schnell gehen. Da bist du nachts allein für ein ganzes Stockwerk zuständig. Da bleibt kaum Zeit für das Menschliche.“

Im Hospiz kann sie sich um jeden einzelnen Gast liebevoll kümmern. Ihre Stärke ist ihr Gefühl. Gäste, Angehörige, Besucher – für jeden Einzelnen hat Carmen Munz „a G’schbür“, wie die Allgäuer sagen würden. Sie hat Stimmungen im Blick, findet immer die richtigen Worte; Berührungsängste kennt sie nicht.

Von Palliativmedizin und Talenten im Hospiz Team Wangen

Für den letzten Punkt hat sie den Zusatzkurs „Therapeutische Griffe in der Palliativmedizin“ besucht. In ihrer Kaffeepause zeigt sie mir, was Berührungen auslösen können. Wie man zum Beispiel Trauernden den Schmerz am Rücken wegstreicht. Kraftvoll und klar. Mir fließen die Tränen. Carmen setzt sich wieder, wartet geduldig und erzählt dann einfach weiter.  

„Jede von uns hier hat ein anderes Talent“, beschreibt sie ihr Pflege-Team, das sich regelmäßig zur Supervision trifft, um schwierige Situationen zu besprechen. „Steffi hat einen sagenhaften Humor. Lisa kennt sich mit den Medikamenten bestens aus. Claudia ist in der Wundversorgung spitze und so weiter. Wir sind ein bunter Strauß – jede ist wertvoll und hat ihren Platz.“

Arbeiten im Hospiz – Gäste & Mitarbeiter werden gehört

In den Herzen der Gäste und im Dienstplan, der im Moment kaum Zeit zum Atmen lässt. Trotzdem ist er mit kleinen „Ws“ gespickt – wie Wunsch. „Wenn wir frei haben möchten, für den Frisör oder ein Treffen mit einer Freundin, dann tragen wir das einfach ein. Das hat oberste Priorität.“

Egal ob Gast oder Mitarbeiter: Wünsche sind hier ganz wichtig – und werden gehört. „Wir brauchen manchmal Zeit, um Kraft zu sammeln oder um einen Abschied zu verarbeiten. Trauer gehört zum Leben und darf sein. Natürlich sind auch wir traurig, wenn ein Gast geht. Wir lassen das einfach zu. Wir unterdrücken es nicht. Es ist für uns ein Zeichen, dass wir eine Verbindung hatten. Und das ist etwas Gutes.“

Licht & Wärme: Hospiz heißt Leben mit dem Tod

Stirbt ein Gast, stellen die Pflegekräfte eine Kerze vor die Zimmertür. „Dann wissen die anderen Gäste, dass ein Leben zu Ende ging.“ Manche ziehen sich an solchen Tagen zurück. Manche suchen das Gespräch. „Auch das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit.“ Ängste hören. Auch solche spüren, die gar nicht ausgesprochen werden.

Wie bei dem Mann, Mitte 50, der nicht auf Fragen reagiert. Beim Besuch in seinem Zimmer legt Carmen ihm die Hand auf den Bauch und fährt in großen, kräftigen Kreisen darüber. Dazu fragt sie leise: „Ist es sehr schlimm heute?“ Keine Reaktion. „Hm?“

Das Problem war um die Mittagszeit schon Thema beim Wechsel der Teams. „Ich habe das Gefühl, er denkt, dass er das aushalten muss“, berichtet die Kollegin, die in der Nachtschicht versucht hat, zu helfen. „Er will keine Medikamente. Vielleicht kann Carmen was tun.“

Klangschalenzeit im Hospitz

Warme Klänge und Licht für das Wohlbefinden / Foto: Stefanie Zehender

Palliativmedizin – das Leben leichter machen

Palliativmedizin kommt von Pallium, was „Mantel“ auf Latein bedeutet. Die Versorgung soll den Patienten umhüllen, damit das Leben leichter wird. „Die richtigen Medikamente in der richtigen Dosis können Schmerzen, Übelkeit, Atemnot und Unruhe lindern.“

Die geben die Mitarbeiter in enger Absprache mit den Hausärzten und im Notfall mit den Ärzten in der Klinik. Arbeiten im Hospiz heißt, das Leben der Todkranken leichter zu machen – im Team.

Zurück im Zimmer versucht Carmen genau das: den Zustand leichter zu machen. „Sie wissen, dass ich helfen kann.“ Pause. „Das wissen Sie, nicht wahr?“ Pause. Keine Regung. „Dann ist es leichter.“ Leichtes Kopfschütteln. „Wie Sie möchten“, respektiert Carmen den Wunsch des Mannes. Wünsche sind hier immer oberstes Gebot.

Nach einem tiefen Atemzug im Takt mit dem Patienten, hat sie eine neue Idee: „Ohne Spritze? Über die Nase?“ Stille. Kurze Pause. Dann die stumme Zustimmung, ein Wimpernschlag, ein leichtes Nicken. Kaum erkennbar – und ein großer Schritt für den Mann.

30 Minuten nach dem Sprühstoß, der gegen Schmerzen und Atemnot wirkt, sitzt der Mann aufrecht im Stuhl. Entspannt. Mit einer Zeitschrift in der Hand. Später ist er mit seiner Zimmernachbarin zum Spaziergang auf dem Gang verabredet. Carmen schließt zufrieden die Tür.

„Besuch bekommt er leider nicht. Er hat niemand“, erzählt sie von teils traurigen Umständen, die sie versucht auszugleichen. So wie alle Mitarbeiterinnen im Hospiz, die regelmäßig in dem Zimmer vorbeischauen und helfen, wo sie können.

Nicht nur den Sterbenden, auch den Angehörigen. „Viele Gäste bringen kurz vor ihrem Tod ihr Leben noch in Ordnung. Sprechen sich mit ihren Kindern aus oder holen Verwandte oder Freunde ans Bett, um sich zu entschuldigen. Das ist oft bewegend und schön – und ein Geschenk, das miterleben zu dürfen.“

Würdevolles Sterben: Das Hospiz Wangen

Arbeiten im Hospiz ist voller Würde / Foto: Stefanie Zehender

Voller Sinn & Würde: Arbeiten im Hospiz Wangen

Bedenken von Pflegekräften, die sich nicht trauen, sich hier zu bewerben, kann sie nicht verstehen. „Natürlich gehen hier manchmal auch junge Menschen. Aber auch da ist es schön, einen würdevollen Übergang zu gestalten. Das ist unheimlich wichtig für die Angehörigen bei ihrem Schritt in eine neue Lebenssituation.“

Ihr und den Kolleginnen sei jeden Tag bewusst, worauf es wirklich ankommt im Leben. Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu:

„So merkwürdig das klingt: Seit ich hier arbeite, bin ich zufriedener als ich es jemals zuvor in meinem Leben war. Obwohl ich mit dem Tod zu tun habe.“

Lust auf die Arbeit im Hospiz?

Das Team sucht laufend ausgebildete Pflegefachkräfte (m/w/d) oder Alten-, Gesundheits- und Krankenpfleger (m/w/d) für das Hospiz am Engelberg in Wangen.

Voraussetzungen sind

  • zwei Jahre Berufserfahrung
  • ein hohes Maß an Empathie und
  • guter Teamgeist.

Probearbeiten ist jederzeit möglich.

Weiterführende Informationen

Hospiz am Engelberg

Gisela Knauf
Am Engelberg 29
88239 Wangen

Du willst das Hospiz unterstützen? Du willst helfen?

Die Arbeit im Hospiz am Engelberg wird nur zum Teil von den Krankenkassen finanziert.
Der andere Teil muss durch Spenden abgedeckt werden.

Bankverbindungen:

Kreissparkasse Wangen
Kontonummer DE48 650 50 110 0000 14171,
BIC SOLADES1RVB

Volksbank Allgäu Oberschwaben
Kontonummer: DE29 650910 40 9945 2000 09
BIC GENODES1LEU

Der Trägerverein Calendula Hospiz e.V. stellt Spendenquittungen aus.

Promotion:
Der Text ist in Zusammenarbeit
mit dem Hospiz am Engelberg entstanden.

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