Storytelling für das Allgäu

Das Sportgelände in Wangen gehört seit einigen Jahren – immer Ende September – ganz besonderen Athleten. Sie laufen auf kurzen Beinen und mit wehenden Ohren in Richtung Ziel. Meistens jedenfalls. Das Dackelrennen in Wangen genießt schon fast Kultstatus.

Es ist ein faustgroßer orange-blauer Ball, der aus Dackel Max einen zielstrebigen Sprinter macht. Links und rechts der 50 Meter langen Rennbahn stehen die Zuschauer dicht an dicht. Hinter der hölzernen Start-Latte schaut er, hochkonzentriert zu, wie sich seine Besitzerin Sabine Herzig mit dem begehrten Spielzeug in Richtung Ziel entfernt. Neben ihm japsen und jaulen seine beiden Kontrahenten, und schauen ihren „Lockvögeln“ nach.

Doch Max lässt sich davon nicht ablenken. Er hat nur das Ziel im Blick. Dort wartet seine Sabine mit dem Ball auf ihn. Als die Startlatte fällt, flitzt er los. Die Ohren flattern, die muskelbepackten Hinterbeine überholen fast die vorderen Beine. Sein persönliches Dackelrennen ist eröffnet.

Dackelrennen in Wangen

„Go Max, go!“, Foto: Viola Krauss

Wie Max zum Dackelrennen in Wangen kam

2016 unternahm Dackelbesitzerin Sabine Herzig aus Ochsenhausen mit ihrer Mutter einen Ausflug nach Wangen. Und dort hat sie in der ehemaligen Reichstadt nicht nur pittoreske Gassen entdeckt, sondern auch die Plakate fürs anstehende Dackelrennen.

„Ich dachte mir, dass ein Dackelrennen sicher lustig und einen Ausflug wert ist.“

Max war damals noch ein Welpe und zu jung, um an den Start zu gehen. Aber zusammen haben die beiden schon mal Renn-Atmosphäre geschnuppert und die Anmeldung fürs Jahr drauf stand fest.

Kein „Dackel „Renntraining“

„Fürs Rennen haben wir nicht speziell trainiert, denn Max jagt seinem Ball eigentlich immer hinterher“. Das faustgroße Spielzeug nutzt Sabine Herzig seit Anfang an nur außerhalb des Hauses, es diente ganz gezielt der Erziehung des kleinen Rüden.

„Dackel sind Hetzjäger. Mit dem Ball kann ich seinen Jagdtrieb kanalisieren, dem rennt er hinterher und vergisst damit interessante Fährten“,

verrät die Dackelbesitzerin. Ist ein Ball in der Nähe, braucht Max nicht mal ein Leckerli, wenn er was gut gemacht hat. „Er ist völlig untypisch für einen Dackel überhaupt nicht verfressen. Der Ball ist Belohnung genug“, freut sich seine Besitzerin. Den bekam er natürlich 2017 auch im Ziel seines ersten Rennens, auch wenn er nicht auf dem Siegerpodest saß. Doch das hat weder Max noch Sabine Herzig die Lust an der tierischen Renn-Gaudi genommen.

Max beim Dackelrennen
Belohnung nach dem Dackelrennen
Dackelrennen - eine Gaudi für den Dackel

Viel Dackel-Liebe & viel Spaß beim Wettkampf / Fotos: Viola Krauss

Ein Hauch Professionalität beim Dackelrennen

Diesmal rennt Max in der Klasse „Zwergdackel“ im Qualifikationslauf als erster ins Ziel. Kaum aus der Puste, schnappt er sich dort sofort seinen heißgeliebten Lock-Ball und wuselt zusammen mit Sabine Herzig zu seinem persönlichen „Rennlager“, das seine Besitzerin etwas abseits des Renntrubels im Schatten eingerichtet hat.

Dort warten auch Dackelhalter Rudi und Max‘ „zwischengeparkte“ Hundegefährtinnen Picci und Gina auf den kleinen Sprinter. Nach ein paar Maul voll Wasser, freundlichen Nasenstübern mit den beiden Hunden, legt sich Max neben die faltbare Transportbox.

Bis zum nächsten Rennen lässt er’s gemütlich angehen. Der kleine Teppich-Porsche, wie Organisator Udo Wellen als Renn-Kommentator die Dackel bisweilen liebevoll-scherzhaft nennt, streckt alle vier kurzen Beinchen aus, die ihm 12 Zentimeter Bodenfreiheit gewähren und für mächtig Antrieb auf der Rennbahn sorgen.

Dopingkontrolle beim Dackelrennen

Was Muss, das Muss / Foto: Viola Krauss

Kirchgang, Stadtführung und dann das Rennen auf krummen Beinen

Für Cookie und ihre Familie hat der Renntag mit einer rund eineinhalbstündigen Autofahrt aus der Nähe von Fürstenfeldbruck nach Wangen begonnen. „Da hat sie ständig vor Aufregung gequietscht“, erzählt Tochter Hannah und verdreht in Erinnerung daran die Augen.

Die Teilnahme am Gottesdienst im Innenhof des Alten Spitals mit bellenden und jaulenden Artgenossen, singenden Hundebesitzern und der liebevollen Segnung von Pfarrer und Dackelkenner Rupert Wilburger, hat sie dennoch recht gelassen mitgemacht.

Auch bei der anschließenden Stadtführung zeigte sich die fünfjährige Hundedame wohlerzogen – wenn auch die Anekdoten zur Geschichte Wangens für sie nicht halb so interessant waren, wie für ihre Besitzerinnen.

Doch kaum hinter der Startlatte, kann Hannah als Dackelhalterin auserkoren, die Hündin kaum mehr bändigen. Die Startlatte fällt, Cookie flitzt gemäß dem Motto des Dackel-Rennens „volle Kanne“ los und kommt als Siegerin ins Ziel. Angelika Köbach-Zimmermann schaut ihr lachend hinter her.

Stadtführung mit Dackel in Wangen

Im historischen Wangen, mit Dackelbegleitung/ Foto: Viola Krauss

Von Helferinnen, Stoffenten und internationaler Besetzung beim Dackelrennen

Sie ist eine der drei Helferinnen am Start und seit dem ersten, damals noch von Ute Haffner organisierten, Dackelrennen dabei. „Ute hatte Helfer gesucht. Ich bin mit einem Dackel aufgewachsen und dachte mir, dass das sicher ein netter Hilfsdienst ist.“ Cäcilia Sonderegger ist aus dem schweizerischen Arbon. Das Dackelrennen ist somit international.

Am Start hat sie schon viel gesehen: Kleine vierbeinige Angeber, nervöse Dackelhalter und die kuriosesten Lockmittel – vom Quietschetier, über Herrchens verschwitztes T-Shirt, einer Plastikflasche mit Steinchen bis zu Hans.

„Hans muss auf jeden Fall dabei sein“, sagt Cäcilia Sonderegger. Hans ist ein Stofftier, genauer gesagt eine Stoffente und gehört zum tierisch siegreichen Rennteam von 2017, bestehend aus Mutter, Tochter Johanna und natürlich Dackelmix-Dame Lilli.

„Hans bringt Lilly so richtig in Fahrt.
Mittlerweile ist er zwar ziemlich zerfetzt, aber Lilli hat immer noch Gefallen an ihm“,

erklärt die Dackelbesitzerin schmunzelnd.

Das Finale beim Dackelrennen in Wangen

Kurz vor dem Finale der Zwergdackel begrüßt Max einen der anderen vierbeinigen Teilnehmer freudig, umschnuffelt dessen Nase und Ohren. Es sieht fast so aus, als ob die beiden miteinander flüstern. Ob es möglicherweise an dieser unter den beiden Hunden „geflüsterten“ Abmachung lag, dass Max mit 0,01 Sekunden Rückstand bei der Siegerehrung auf dem Siegerpodest „nur“ auf dem dritten Platz sitzt, bleibt unklar.

Sabine Herzig jedenfalls freut sich „tierisch“ und knuddelt ihren Dackel, dass die Bronzemedaille auf Max‘ Brust kräftig hin- und her schaukelt „Das nächste Mal sind wir wieder dabei“, ist sie sich sicher, schließlich geht es beim Dackelrennen in Wangen in der Hauptsache um den olympischen Gedanken und dass man sich mit anderen Dackelbesitzern trifft.

Auch Cookies Familie meldet ihre siegreiche Hündin für das nächste Dackel-Rennen an und Hannah hofft, dass sie dann wieder so rennt „als ob sie fast fliegt“. Dann ist es ihr auch egal, wenn Cookie auf der Fahrt nach Wangen ständig quietscht.

Cookie, die Dackelhünding beim Dackelrennen

Fast wie der Glücksdrache in der „Never ending Story“ / Foto: Viola Krauss

Siegerehrung der Athleten

Verdienter Sieg beim Dackelrennen / Foto: Viola Krauss

Weiterführende Informationen

Das Dackelrennen Wangen auf einen Blick

Das Dackelrennen in Wangen findet meist am dritten Septemberwochenende statt. Nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause flitzen die Dackel diesmal am 25. September 2022 um die Wette. Vor den Rennläufen gibt es einen Gottesdienst, anschließend eine Stadtführung mit Hund.

Die Dackel gehen mit zwei Personen (Dackelhalter und Dackellocker) ins Rennen. Das heißt: eine Person hält den Hund am Start bis zur Startfreigabe und die andere Person befindet sich im Zielbereich.

Jeweils drei Dackel laufen in der Qualifikation um den Einzug in die Finaldurchläufe.
Es gibt drei Klassen:

  • Normalschlag-Dackel,
  • Zwerg- beziehungsweise Kaninchenteckel und
  • Dackel-Mix (bis maximal 11 Kilogramm).

Mehr Infos: www.dackelrennen-wangen.de

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