Storytelling aus dem Allgäu

Backmodel schnitzen – Handwerkskunst für Gaumenfreuden & Augenschmaus

von | HANDwerk

Stell dir vor, du hast eine Zeitmaschine und kannst damit ins Mittelalter reisen. Dort angekommen, entdeckst du die faszinierende Welt der Backmodeln – diese kunstvollen Holzformen, die unsere Vorfahren nutzten, um ihr Gebäck in wahre Kunstwerke zu verwandeln. Der Backmodel, ein fast in Vergessenheit geratener Schatz, ist mehr als nur ein Küchenutensil; er ist ein Stück Geschichte und Kultur. Leonhard Angele aus Leutkirch schnitzt diese seit Kindertagen. In Küchen und für Sammelvitrinen sind die Backmodel aus der Werkstatt des ehemaligen Landwirts heiß begehrt.

Backmodel schnitzen: echte Kunst, feines Handwerk

Wie eine zarte blonde Babylocke kräuselt sich der Holzspan auf, je weiter das Schnitzwerkzeug im Holz vordringt. Geübt setzt Leonhard Angele die Klinge an. Nach wenigen Augenblicken ist auf dem zuvor grob herausgearbeiteten Tannenzweig eine Kerze entstanden. Er legt den eben benutzten Geißfuß (messerartiges Gerät mit einer V-förmigen Schneide) an seinen Platz im Holzkasten vor sich und greift nach einem anderen, schmäleren Exemplar.

Ein Kunstwerk nimmt Form an

Das etwa 5 mal 10 Zentimeter große Holzklötzchen im Schraubstock wird von zwei Halogenstrahlern beleuchtet. Konzentriert setzt der 64-Jährige die schmale Klinge an und sticht zunächst den Kerzendocht, dann die Tannennadeln in die schon herausgearbeiteten Zweige. Er greift nach einem kleinen Pinsel und lässt ihn über die Holzoberfläche huschen. Winzige Späne rieseln zu Boden.

Angele greift wieder nach dem Werkzeug. Fünfmal sticht er da, mit einem filigranen Lichtstrahl im Halbkreis um den Kerzendocht. Umrahmt wird das weihnachtliche Motiv anschließend mit einem Blattmuster-Rahmen. Der Schnitzer greift nach einem handgroßen Klotz, der mit feinem Schleifpapier umspannt ist. Sachte fährt er zweimal über das Relief. Gleich darauf nähert er seinen Kopf dem Model und pustet den Schleifstaub von der hölzernen Oberfläche.

Neben dem Schnitzwerkzeug liegt eine hellgraue Knetmasse, nach der er jetzt greift. Mit beiden Daumen drückt der Holzkünstler diese flach auf das Motiv und zieht den beinahe rechteckigen Fladen gleich darauf wieder ab.

Ein Backmodel entsteht

Mit einer ruhigen Hand entsteht feines Kunstwerk zum Gebrauch. / Foto: V. Krauss

Das Werkzeug um Backmodel zu fertigen

Geißfüße in allen Größen – das Handwerkszeug für Backmodels. / Foto: V. Krauss

Das Backmodel Motiv ist gestochen scharf

Im Lichtschein der beiden Lampen begutachtet er das Ergebnis aufmerksam und nickt dann zufrieden. Das Motiv ist an allen Stellen als Abdruck gestochen scharf zu erkennen. Nach 15 Minuten hat Leonhard Angele aus einem nackten Holzklötzchen ein Springerle-Model, eine Plätzchenform gefertigt.

„Das ist freilich ein einfaches Motiv. Es gibt auch welche, für die brauche ich vier Stunden“,

betont er und geht ein paar Schritte zu einem Schränkchen. Gleich darauf legt er eine Auftragsarbeit mit einem Familienwappen zum Vergleich neben den eben entstandenen Model.

 

Vom Hobby zur Backmodel-Manufaktur

„Eigentlich ist es mehr ein Stechen als ein Schnitzen“,

definiert er seine Arbeit genauer. Vor mehr 15 Jahren hat Leonhard Angele angefangen, als Modelschnitzer zu arbeiten.

Das erste Motiv

An sein erstes Motiv kann sich Angele noch gut erinnern: „Das war die Schönstatt-Kapelle, die in der Nähe von Aulendorf steht.“ Und auch die Entstehungsgeschichte dieses ersten Models hat er noch genau im Kopf. Damals wollte er auf dem Weihnachtsmarkt in Ebersbach bei Aulendorf selbst geschnitzte Weihnachtsdekorationen, Krippenfiguren und Holztabletts verkaufen. Eine ihm bis dahin unbekannte Frau half ihm beim Aufbau und der Dekoration des weihnachtlichen Marktstandes.

„Für diese Hilfe hat sie mich um einen selbst geschnitzten Backmodel gebeten“,

erzählt der ehemalige Landwirt. Zunächst hat der heutige Modelmeister diese „Auftragsarbeit“ ein wenig vor sich her geschoben. Doch die Frau war hartnäckig. Also machte er sich schließlich ans Werk. Schon gleich beim ersten Versuch bemerkte er, dass ihm die Arbeit liegt.

Altes Handwerk heiß begehrt

Für den Weihnachtsmarkt im darauffolgenden Jahr schnitzte beziehungsweise stach er zehn Model mit vier unterschiedlichen weihnachtlichen Motiven. „Die Nachfrage war da“, erinnert er sich. Also erarbeitete er bis zum Jahr darauf einen Vorrat von knapp 40 verschiedenen Modeln. Auch die verkauften sich gut. Die ersten Aufträge für spezielle Motive folgten.

Mittlerweile hat der Schnitzer rund 2000 verschiedene Modelmotive als Vorlage auf Holz erarbeitet. Darunter eine Kuh, Hahn und Henne oder ein galoppierendes Pferd. Es gibt Model mit Edelweiß oder einem Blumenkorb sowie Motive mit Biene oder einer Zitrone, aber auch Gebäude wie das Ulmer Münster oder die Waldburg.

Backmodel - über 2000 Motive

Hach, so viele und so schöne Backmodel  … / Foto: V. Krauss

Schnitzer – Landwirt – Schreiner – Backmodel Stecher

Vater als Vorbild

Hinter der schmucken weißen Fassade des Bauernhauses verbirgt sich die Geschichte von Angeles Leidenschaft für die Arbeit mit dem natürlichen Werkstoff.

Der Backmodel Schnitzer erzählt:

„Als Holzschnitzer bin ich schon seit Kindertagen tätig und habe meinem
Vater über die Schulter geschaut. Eine Ausbildung habe ich aber nie gemacht. Nach der Stallarbeit hat mein Vater in der Stube unter anderem Stuhllehnen mit Jagdmotiven geschnitzt“,

erinnert er sich. Er habe seinen Vater für dessen Schnitzarbeiten bewundert und wollte es ihm schon als kleiner Bub gleichtun. Mit einem „Messerle“ durfte er schließlich unter Aufsicht schnitzen. Schon die ersten
Ergebnisse waren recht gut, der Vater ermunterte ihn daher, weiterhin zu schnitzen. Die ersten Arbeiten des heutigen Modelmeisters haben die Eltern aufgehoben. Die Holzreliefs mit Kuhkopf, Vogel und Eichenlaub hängen heute im Ausstellungsraum neben der Werkstatt.

Heimisches Kirschbaumholz für eigene Möbel

Bereits als 16-Jähriger ließ sich Angele von einem befreundeten Förster mit Kirschbaumholz beliefern. Er sammelte das wertvolle Holz und schreinerte daraus zwölf Jahre später seine Küchen- und Wohnzimmermöbel. Für den Eigenbedarf und auf Bestellung hat Leonhard Angele immer wieder zum Schnitzwerkzeug oder zum Hobel gegriffen. Doch bis vor rund zehn Jahren arbeitete der 64-Jährige hauptberuflich als Landwirt.

Holz schnitzen: Leidenschaft, Berufung und Beruf

Mittlerweile kann er sich mit seiner Holzwerkstatt ein sicheres Einkommen erarbeiten. Und wie in Kinder- und Jugendtagen erfüllt ihn noch heute eine tiefe Zufriedenheit, wenn er mit Holz arbeitet.

Unter seinen kundigen Händen entstehen übrigens auch Nudelstempel,
Reliefschnitzereien, Gedenktafeln, Krippenfiguren, weltliche oder sakrale Skulpturen sowie Masken für die schwäbisch-alemannische Fasnet. Die „Model-Produktion“ jedoch macht mittlerweile den Löwenanteil seiner Arbeit aus.

Mit Holz arbeiten - eine Leidenschaft.

Leonard Angele bei seiner Lieblingsarbeit /  Foto: V. Krauss

Anisgebäck und Plätzchen aus den Backmodeln

Wie Leonhard Angele es mit den hölzernen Gebäckformen zur Meisterschaft gebracht hat, so kennt sich seine Frau Waltraud bestens mit dem Backen der traditionellen Springerle (Plätzchen) aus, die das Ehepaar zusätzlich zu den Modeln auf Weihnachtsmärkten anbietet.

Beide bekamen dabei häufig zu hören, dass es doch sehr schade sei, dass man mit den tollen Modeln nicht mehr als das traditionelle harte Anisgebäck herstellen kann. Während im Pandemiejahr 2020 das öffentliche Leben außerhalb des alten Bauernhauses bei Bad Wurzach nahezu einschlief, ging es in der Küche des Holzhandwerkers dagegen hoch her. Waltraud Angele experimentierte mit verschiedenen
Zutaten und Teigarten.

Ein Rezeptbuch für die Modeln

Entstanden ist daraus ein Rezeptbuch, das verschiedenste, gänzlich neue Rezepte für gemodeltes Gebäck enthält. Darunter sogar eine vegane Variante.

Künftig sorgt so die Kombination aus dem Hause Angele über einen Webshop nicht nur für einen traditionsreichen Augenschmaus, sondern auch für neue Gaumenfreuden – und das zu jeder Jahreszeit.

Rezept: Honig-Butter-Vanille Kekse für Backmodeln

von Waltraud Angele

Zutaten:

  • 1 Eigelb
  • 150 g weicher Honig
  • ½ TL Vanillezucker
  • 200 g Butter (Zimmertemperatur)
  • 400 g Mehl (am besten Dinkelmehl)

Zubereitung:

  1. Das Eigelb verrühren, Honig und Vanillepulver dazugeben
    und weitere 3 Minuten rühren. Danach die weiche Butter
    dazugeben und weitere 5 Minuten rühren. Abschließend
    nach und nach das Mehl dazugeben und immer weiter rühren, bis der Teig zäh wird.
  2. Dann den Teig auf die Arbeitsfläche geben und gut zusammenkneten.
  3. Mindestens 1 Stunde kalt stellen.
  4. Nun den Teig auswellen und mit schönen fröhlichen Modeln Kekse
    ausstechen.
  5. Backofen auf 160° C vorheizen.
  6. Ausgestochene Modelkekse auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech
    legen und bei 160° Grad 12 bis 14 Minuten backen.

Tipp: Gerne kann man die Rückseite auch mit Schokolade bestreichen.

 

Weiterführende Informationen

Genießbare Bilder

Der Model besteht meist aus Holz. Schnitzer verwenden
gerne Birnen- oder Lindenholz, da sich darauf die Motive fein abbilden lassen und sich nach dem Reinigen mit Wasser, keine Fasern aufstellen. Im schwäbischen und alpenländischen Raum gehörten früher reich verzierte Model mit unterschiedlichen Motiven, Mustern und Abbildungen in jede Küche.

Holzmodel wurden für Backwaren wie das in Süddeutschland bekannte Springerle (Anisgebäck) oder auch als Buttermodel verwendet. Hier wird der Teig oder die Butter in den Model gedrückt, sodass anschließend das geschnitzte Motiv auf dem Teig beziehungsweise der Butter zu sehen ist.

Heutzutage kennen wir mit Model hergestelltes Gebäck nur noch zur Weihnachtszeit. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde dagegen zu den verschiedensten weltlichen und religiösen Anlässen gemodeltes Backwerk hergestellt.

An Hochzeiten, Taufen, zu Weihnachten, Neujahr oder Ostern erfreuten sich die Menschen an diesen genießbaren Bildern. Mittlerweile erleben Model in der regionalen Küche eine Renaissance.

Kontakt

Leonhard Angele fertigt seine Backmodel mit vielen
unterschiedlichen Motiven, auf Bestellung auch mit
Wunschmotiv.

Leonhard Angele
Modelmanufaktur

www.modelmanufaktur-angele.de
Tel.: 07561 2090.

Das Springerle Backbuch für das ganze Jahr gibt es auch direkt aus der Modelmanufaktur. 

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