Storytelling aus dem Allgäu

Holzbildhauerin Lucia Hiemer – authentisch in natürlichem Kontext leben

von | Menschen

Lucia Hiemer, die Holzbildhauerin, lebt und arbeitet im Allgäu. Sie strebt danach, authentisch und im Einklang mit der Natur zu leben. Ihr starker Wunsch nach Selbstständigkeit und kreativem Schaffen zeigte sich schon früh. Sie gewann mit ihrer Arbeit den Publikumspreis der Allgäuer Festwoche. Neben der Bildhauerei ist sie Dozentin für Permakultur.

Bild oben: Die Motorsäge ist bei ihrer Arbeit ein viel benütztes Werkzeug. / Foto: Stefan Neuhauser

Lucia Hiemer: herzlich, stark & engagiert

Ich rolle mit meinem Wagen in den Hof. Es regnet in Strömen, im höheren Alpenvorland schneit es. Als ich den Raum, eine Art Wohnküche betrete, werde ich von Lucia Hiemer mit einem herzlichen Händedruck empfangen.

Ihre aufrechte Haltung und ihre burschikose Art, ist auffällig. Es steht eine zierliche Frau mit muskulösen Armen und Schultern vor mir. Der Blick ihrer flinken Augen, gepaart mit ihrer verbalen Schlagfertigkeit, der scharfe Verstand, sowie die schnellen Bewegungen fallen mir auf.

Der Frühstückstisch ist gedeckt, als ich eintrete. Brotduft strömt aus dem Ofen und ich bekomme einen selbst gesammelten Kräutertee aus ihrem Garten serviert.

Bevor ich mich richtig setzen kann und die Atmosphäre erfasse, ist Lucia schon mit der Spaltaxt im Schopf beschäftigt, die Axtschläge tönen donnernd in die Wohnküche. Lucia heizt ihr Haus mit Holz, das zum einem guten Teil bei ihrer Bildhauerarbeit anfällt. Die größeren Scheite müssen noch gespalten werden, bevor sie in den Grundofen passen. Mit ein paar schnellen Schritten ist sie wieder am Platz für das Gespräch.

Ich habe den Eindruck, die 24 Stunden eines Tages reichen ihr nicht. Während des Interviews ist sie zeitweise mit der Küche, des Haushaltes oder dem Telefon beschäftigt und doch auch konzentriert bei der Sache.

Lucia Hiemer: selbstständig

Holzbildhauerin & Dozentin für Permakultur

Wie bist du dazu gekommen, Holzbildhauerin – ein für Frauen eher untypischer Beruf – zu werden?

Lucia Hiemer: In der Holzbildhauerausbildung sind heutzutage mehr Frauen als Männer. Auf dem Hof, auf dem ich aufwuchs, gab es die Unterscheidung nicht. Bei uns am Hof gab es keinen Unterschied zwischen den Tätigkeiten, die als typisch männlich oder weiblich gelten.

Ich habe schon im Kindergarten einen starken Ehrgeiz entwickelt, alles zu erlernen, was dem Männlichen zugeordnet wurde. Dies waren erstrebenswerte Disziplinen für mich. (Lacht, steckt die Finger in den Mund und pfeift …) z.B. Pfeifen auf allen Fingern!

Mein Papa ist Schreiner und wir hatten eine Schreinerwerkstatt. In dieser habe ich, seit ich klein bin, gewerkelt. Mit meinen eigenen Händen etwas zu gestalten, wurde mir in die Wiege gelegt.

Mit 13 oder 14, als ich in der Schule gefragt wurde, was ich später machen wollte, hatte ich keine Idee. Mein Gefühl war, nicht in diese Arbeitswelt zu passen. Die darauffolgende Erkenntnis war in jedem Fall „selbständig“ sein zu wollen.

Heute definiere ich diesen Impuls nach einem inneren Bedürfnis nach Authentizität, Selbstermächtigung sowie dem Bedürfnis nach Raum für kreatives Schaffen. Den Satz: „Des ham ma immer scho so gmacht“, konnte ich noch nie so hinnehmen. Erkenntnisse umzusetzen, auch das Bestreben, lebens- und überlebensnotwendige Disziplinen zu beherrschen und erlernen, war ein früher Antrieb von mir.

Holzbildhauerin Lucia Hiemer beim letzten Schliff

Lucia, mit Farbe und Intuition beim letzten Schliff einer Arbeit. / Foto: Stefan Neuhauser

Lucia Hiemer & die Permakultur

Natürliche Kreisläufe zum Vorbild nehmen

Lucia Hiemer: Als ich zum ersten Mal von Permakultur gehört habe, fand ich in diesem interdisziplinären Ansatz eine neue Heimat.

Unsere heutige Kultur/Gesellschaft teilt ihre Welt in Schubladen ein, die Naturwissenschaften: Biologie, Geologie, Meteorologie, Mathematik, Physik … oder die Menschen: Gesunde, Kranke, Kinder, Alte …

Wir schaffen diese Einteilungen, um bewerten und kontrollieren zu können. Die Natur kennt diese Kategorien so nicht. Wir Menschen haben uns aus unserem natürlichen Kontext herausgelöst und leben nicht mehr artgerecht.

Die Idee der Permakultur-Gestaltung verbindet Disziplinen und Sichtweisen und etabliert grenzüberschreitende Denkansätze.

Großes Feedback für Lucia Hiemer

Lucia Hiemer: Als der BR im Jahre 2018 den ersten kleinen Film über mich ausgestrahlt hat, hat mich eine regelrechte Lawine überrollt (E-Mails, Telefon, Anfragen …), mit dieser Masse an Resonanz habe ich nicht gerechnet. Mir kam bis dahin mein Leben als völlig normal vor, es ist mein Leben, so wie ich es eben lebe. Durch die vielen Feedbacks, die mich fast erschlugen, habe ich begriffen, welche Sehnsüchte bei den Menschen durch diesen Kurzfilm geweckt wurden: die Sehnsucht nach Verbundenheit mit der Natur, die Sehnsucht nach Menschsein und die Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit.

Den Beruf „Holzbildhauerin“ habe ich gewählt, weil ich mit meinen Händen schaffen und meinem Grundbedürfnis nach Gestaltung nachkommen kann.

Vereinbarkeit von Beruf & Familie

Auch für Lucia Hiemer selten einfach

Du bist Mutter von 3 erwachsenen Kindern. Hast du, während deine Kinder klein waren, gearbeitet? Wenn ja, wie hast du das gemanagt?

Lucia Hiemer: Ja, ich habe immer gearbeitet, da ich mein Atelier zu Hause habe, war das möglich. Wie bei anderen selbstständigen Frauen auch, war ein Arbeitstag viele Zeiten länger als 8 Stunden. Oft habe ich mich nicht am richtigen Platz gefühlt. Wenn ich in der Werkstatt war, war ich mit dem Kopf bei den Kindern. Wenn ich in der Küche war, war ich mit dem Kopf im Atelier, wenn ich …

Es war mir auf jeden Fall sehr wichtig, immer dranzubleiben an meinem Beruf und trotz der Kinderbetreuungs- und Erziehungszeit meine Selbstständigkeit im Beruf zu bewahren und mich weiterzuentwickeln.

Wie steht/stand deine Familie zu deinem Beruf?

Lucia Hiemer: Für meine Eltern war meine Berufswahl selbstverständlich. Heute würde mein Vater sagen, dass es überflüssig gewesen wäre, mich von diesem Vorhaben abzubringen.

Lucia Hiemer und Holz – eine Symbiose

Was fasziniert dich an dem Werkstoff Holz?

Lucia Hiemer: Das Holz ist ein lebendiger Werkstoff mit viel Eigenleben. Immer wenn ich Lust bekomme, mit Stein und Beton zu arbeiten, dann ist mir am Ende der Aufwand zu groß. Beim Arbeiten mit Bronze stellt sich mir die Frage nach den Ressourcen. Auch das Bestreben von Ewigkeit bei der Arbeit mit diesen Materialien reizt mich nicht.

Holz und ich, das passt irgendwie zusammen.

Du hast dieses Jahr den Publikumspreis im Rahmen der Allgäuer Festwoche bekommen. Das ist ja eine ganz besondere Auszeichnung, da ein großer Bevölkerungs-Querschnitt sich deinem Werk verbunden und dadurch angesprochen fühlt. Bist du glücklich darüber?

Lucia Hiemer: Ja, es freut mich schon, wenn das Publikum sich von meinen Arbeiten angesprochen fühlt.

Publikumspreis der Allgäuer Festwoche

Bei der Verleihung des Publikumspreises in Kempten die Frage der BetrachterInnen: Was hast Du Dir dabei gedacht? / Foto: Stefan Neuhauser

Die Doktorandin - Auftragskunst von Lucia Hiemer

Auftragsarbeit: Die Doktorandin / Foto: Stefan Neuhauser

Die ersten Sägearbeiten am Stamm sind schweißtreibend.

Der Beginn der Arbeit am Stamm ist oft schweißtreibend, aber ein erstes Vorfühlen in Raum und Materie. / Foto: Stefan Neuhauser

Lucia Hiemer, die Künstlerin

Arbeitest du alleine oder in einem Künstlerverbund?

Lucia Hiemer: Nach meiner Ausbildung hatte ich einen Studienplatz in Dresden an der Akademie für bildende Künste. Zu der Zeit war meine Tochter, mein Erstes von drei Kindern unterwegs. Nach langem Ringen war mir klar, dass mir die Kunst nie so wichtig sein würde, als dass ich meine Kinder in der Stadt aufwachsen lassen würde.

Die Sehnsucht nach Austausch, Reflexion und Weiterbildung war immer präsent. Mein Versuch, mit 40 Jahren ein Studium oder die Meisterschule zu absolvieren, musste leider der bitteren Erkenntnis weichen, dass der umgekehrte Weg (zuerst Kinder, dann Studieren) in unserer Gesellschaft in Deutschland nicht vorgesehen ist. Ich hätte mir das niemals finanzieren können.

Wie bist du mit anderen Künstlern vernetzt?

Lucia Hiemer: Ich arbeite überwiegend alleine. Große Aufträge habe ich manchmal schon mit Kolleginnen umgesetzt. Derzeit ist ein regionales Künstler-Kollektiv in der Gährungsphase bei dem ich mich einbringe.

Du bist eine Bildhauerin, die auch Kurse anbietet, was hat dich dazu bewogen?

Lucia Hiemer: Auf mehreren beruflichen Beinen steht es sich besser, und die Freude Wissen zu vermitteln, sind meine Motivation dafür.

Wie vermarktest du dich? Wie gewinnst du deine Kunden?

Lucia Hiemer: Ich sehe mich als Dienstleisterin und lebe von der Bildhauerei, vorwiegend von Auftragsarbeiten, und fühle mich in dieser Rolle sehr wohl. Es sind Herzenswünsche der Kunden, denen ich Bilder und Räume gebe. Die Menschen finden mich

  • durch Mund-zu-Mund-Propaganda
  • Präsenz auf Ausstellungen und übers Internet.
Der prüfende Blick zur Kunst von Lucia Hiemer

Der Korrektur-Blick, bevor die Säge wieder zum Einsatz kommt. / Foto: Stefan Neuhauser

Holzbildhauerkurse bei Lucia Hiemer

Mit den Händen arbeiten und den Kopf vom Alltag frei blasen: die Atmosphäre in Lucia Hiemer’s Bildhauerkursen. / Foto: Stefan Neuhauser

Lucia Hiemer, die Dozentin

Du bist zusätzlich Dozentin für Permakultur an der Permakulturakademie im Alpenraum (PIA).

Lucia Hiemer: Irgendwann war mir klar, dass meine Arbeit als Bildhauerin schwere Männerarbeit ist. Referieren und Wissen vermitteln kann ich bis ins hohe Alter. So habe ich mir dieses zusätzliche Standbein geschaffen.

Seit zwanzig Jahren baue ich mein eigenes Gemüse an, Permakultur geht weit über reinen Anbau hinaus und integriert das Leben in Zusammenhängen im Gestalten von zukunftsfähigen Kulturräumen.

Welchen Stellenwert nimmt deine Arbeit als Dozentin für Permakultur ein? Wie lässt sich das mit der Holzbildhauerei verbinden/vereinbaren?

Lucia Hiemer (lacht): Gutes Terminmanagement!

In der Arbeit als Referentin bei den Kursen begegne ich vielen jungen Menschen, die Neue Wege gehen wollen und einen verantwortungsvollen Lebensstil gestalten, dies inspiriert mich und schafft lebendigen Austausch, der mir auch als Inspirationsquelle dient.

Immer mehr wachsen für mich die beiden Lebens- und Arbeitsthemen zusammen.

Viele sehen dich als Visionärin? Wie lässt sich das verstehen?

Lucia Hiemer: Die Herausforderung unserer Zeit und der Einsatz für das Überleben des Lebens auf diesem Planeten, fordern neue Denkansätze und das Infrage stellen eingefahrener Strukturen, die nicht mehr der Zeit gemäß sind. In diesem Sinne kann sich jede als Visionärin verstehen, die diesen Weg mit Freude etabliert. Ich glaube, dies ist der Schlüssel für eine gute Zukunft.

Lucia Hiemer, der Freigeist

Dein Haus ist auch aus einer Vision entstanden und gewachsen. Kannst du darüber etwas erzählen?

Lucia Hiemer: Selbstermächtigung, Unabhängigkeit, Autonomie. Wie schon gesagt, sind starke Antriebe in meinem Leben, dies war auch der Leitgedanke beim Kreieren und Planen unseres Hauses mit meinem damaligen Partner. Das Haus wurde überwiegend in Eigenregie geplant und mit Holz aus eigenen Wäldern selbst gebaut.

… Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt. Es ist auch ein bisschen der Pipi Langstrumpftraum …

Mittlerweile lebst du hier mit einer Frauen WG. Wie kam es dazu? Was ist das Besondere daran?

Wir sind ein Team, welches mit Freude zusammen lebt. Jeden Tag kocht jemand anderes und die Gartenarbeit wird nicht zur Last und bleibt eine Lust, weil sie von mehreren Personen bewältigt wird. Unsere WG ist nicht per se nur für Frauen geöffnet, das hat mit dem Geschlecht nichts zu tun. Es kommt auf die Chemie an und den Lebensstil, der den gemeinsamen Nenner darstellt.

Für mich ist dies die perfekte Lebensform, eine kleine soziale Gemeinschaft, in der sich alle Beteiligten unterstützen und den Alltag teilen.

Kunst braucht Raum. Leben auch!
Entwurfsarbeit braucht Raum und das richtige Bauchgefühl … / Foto: Stefan Neuhauser

Träume lassen uns erahnen, was wir wirklich wollen

Als ich gehe, muss ich an den Roman „Der Alchimist“ von Paolo Cohelo denken. Cohelo meint in diesem Werk, dass man sein Leben nicht träumen, sondern den eigenen Traum leben und seinem Herzen folgen soll, denn das kennt, selbst wenn man Rückschläge und Risiken erlebt, letzten Endes immer den richtigen Weg.

Großartige Menschen im Allgäu

Durch meine Arbeit als Fotograf und Bergführer bin ich viel gereist und habe spannende Persönlichkeiten kennengelernt. Ich hatte nicht erwartet in unserer Heimat, dem Allgäu, auf einen lebendigen Pipilangstrumpf-Traum, wie ihn Lucia Hiemer lebt, zu treffen. Danke für das Interview.

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