Pflanzenteppich zum Erntedank – „Bluama lega“ ist kreatives Brauchtum

Anfang Oktober ist Erntedank, ein Fest, das in den Dörfern traditionell üppig zelebriert wird: Im Allgäu wird nicht nur die gute Ernte gefeiert – hier wird gelegt! Und zwar ausdrucksstarke Teppiche. Aus Blumen, Körner & Pflanzenteile. Die „Bluametoifi“ oder „Bluamenläger“, wie sie im Allgäuer Dialekt liebevoll genannt werden, sind Kunstwerke, die auf den Boden gebracht werden – mit viel Fingerspitzengefühl, einem Haufen Naturmaterialien und einer ordentlichen Portion Geduld.
Titelbild: Erntedankteppich in Otterswang | Foto: V. Krauss
Wurzeln der floralen Deko an Erntedank
Das Bergvolk wills bunt
Mal wieder ziehen die Allgäuer heidnische Bräuche mit ins christliche Dasein rüber. Wie die Bärbele, Klausen und die Rauhnächte liegt auch der Ursprung dieser Teppichkunst weit zurück. Ob’s nun die Kelten waren, die ihre Göttinnen mit Blütenblättern erfreuten, oder später die Katholen und Evangelen, die ihre Prozessionswege schmückten – sicher ist: Irgendwann hat jemand angefangen, den Boden bunt zu machen, und die Tradition wurde fest in die Allgäuer DNA eingebaut.
Allgäuer Dörfer mit beeindruckenden Pflanzenteppichen
Heute sind die Pflanzenteppiche vor allem zu Erntedank ein Highlight, das Gemeinden wie Bad Hindelang, Pfronten, Wangen und Oberstdorf und viele kleine Orte besonders zelebrieren. Ein besonders beeindruckendes Pflanzenteppich-Exemplar wird in der kleinen Gemeinde Otterswang gelegt.
Malen mit Naturmaterialien
Was viele nicht wissen: Es geht dabei nicht nur um Blumen. Die Pflanzenteppiche sind wahre Material-Mixe aus allem, was der Herbst so hergibt. Neben Blumenblättern werden auch Blätter, Moos, Zapfen und sogar Körner und Getreide verwendet. Alles, was auf dem Feld oder im Wald zu finden ist, kann zu einem Teil des Kunstwerks werden. Ob Weizen, Gerste, Maiskörner oder sogar Bohnen – was auf den Tisch kommt, landet hier auf dem Teppich!
Filigrane Feinstarbeit beim Teppichlegen in Otterswang | Foto: V. Krauss
Körner, Blätter, Blüten – die Kunst des Pflanzenteppich „lega“
Ein Fall für die Dorfgemeinschaft
Mit Pflanzen einen Teppich malen ist echte Handarbeit! Wochen vorher wird alles gesammelt, getrocknet und vorbereitet. Und damit das Kunstwerk auch wirklich farbenprächtig wird, dürfen sich die Sammler nicht mit ein paar Blumensträußchen zufriedengeben. Es braucht Massen an Blütenblättern, Körnern und Blättern, die in mühevoller Kleinarbeit sortiert werden.
Doch bevor es an den eigentlichen Erntedank Teppich geht, wird erst mal skizziert. Auf dem Boden wird mit Kreide vorgezeichnet, wo welche Farbe hinkommt, dann wird Stück für Stück ausgelegt. Oft beginnen die Jüngeren mit dem Sammeln und Sortieren, während die erfahrenen Teppichleger ans Arrangieren gehen. Das Schöne: Hier macht die ganze Dorfgemeinschaft mit – von den Jüngsten, die eifrig Blumen sortieren, bis hin zu den Älteren, die schon ein paar Jahrzehnte Pflanzenteppiche auf dem Buckel haben. Der Teppich wächst mit jedem Blatt und jedem Körnchen, bis schließlich ein beeindruckendes Kunstwerk vor ihnen liegt.
Farbe, Korn und jede Menge Symbolik
So ein Pflanzenteppich ist nicht nur hübsch anzusehen. Dahinter steckt oft tiefere Bedeutung. Rote Blüten stehen für das Blut Christi, weiße Blüten symbolisieren Reinheit und Unschuld, und grünes Moos erinnert an das immerwährende Leben. Getreidekörner und Ähren sind Symbole der Ernte und des Wohlstands, und Blätter und Gräser stehen für die Natur, die uns jedes Jahr wieder ernährt.
Pflanzenteppich zum Erntedankfest
Vom Winde verweht
Je nach Region und Dorf sind die Motive der Teppiche unterschiedlich. Mal gibt es klassische christliche Symbole wie Kreuze oder Kelche, mal blüht die Phantasie in ganz andere Richtungen: Blumenmuster, Tiere, oder sogar die Allgäuer Landschaft selbst wird in Körnern und Blättern abgebildet.
Was alle Teppiche eint, ist ihre Vergänglichkeit. Nach dem Gottesdienst werden die Blütenblätter vom Wind verweht, die Körner von Vögeln aufgepickt.
Der Pflanzenteppich zu Erntedank ist ein Kunstwerk auf Zeit –
welch wunderbare Metapher.
Das Finish: der Rahmen aus Eiern, Mais und Äpfeln | Foto: V. Krauss
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Weitere InformationenPflanzenteppich in Otterswang
Hier war der SWR vor Ort und berichtet im Fernsehen
Danke an Viola Kraus, unsere Allgäufee, für die Bilder.
„Herr, wir danken Dir für die Gaben der Natur,
für das Korn auf den Feldern, die Früchte im Garten
und die Tiere auf der Weide.
Lass uns in Dankbarkeit und Demut die Ernte teilen,
dass niemand Hunger leiden muss.“
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