Storytelling für das Allgäu

Obere Mühle Wertach – es dreht sich mehr, als das Mühlrad

Menschen

Wertach, ein Dorf der Mühlen. Allgäuer waren Selbstversorger. Im Allgäu wurde schon immer Getreide, Gemüse, Hanf und Flachs angebaut. Die Müller verarbeiteten das Getreide zu Mehl. Mit der zunehmenden Milchwirtschaft und der Industrialisierung verschwanden die Mühlen. Doch die Zeiten ändern sich, es finden sich wieder Enthusiasten, die die alte Kultur modern interpretieren. So auch in Wertach: Seit 2018 dreht sich die Obere Mühle Wertach wieder. Dahinter steckt eine Idee, eine Begeisterung, ein Zukunftsprojekt und die Familie Ahlborn. Für ihr Engagement hat sie der Landkreis oberallgäu 2021 mit dem Kulturpreis ausgezeichnet.

Die Obere Mühle Wertach erwacht zum Leben

Die Wertacher „Müller“ und ihre Begeisterung für Nachhaltigkeit

2014 verguckten sich Uschi und Holger Ahlborn in das Anwesen am Ortseingang von Wertach. Uschi, die ihre Kindheit oft in Immenstadt verbrachte, wollte hier ihren Traum von eigenem Bienenhaus und Kräutergarten verwirklichen. Holger, der Ideengeber und Projektbeschleuniger, sah das Mühlenpotential und begeisterte sich sofort für die technische Herausforderung  „Alte Mühle“. Und so wurde in Archiven gestöbert, recherchiert, nachgefragt und vorallem angepackt: Am Haus, am Mühlrad und im Garten.

Nachhaltige Energieerzeugung

Wasserkraft erzeugt die sauberste Energie. Es gibt keine Nanopartikel, wie auf den Windradflügeln, kein Entsorgungsproblem wie bei Solarpaneelen und Vögel werden auch nicht geschreddert. Das Allgäu mit seinen vielen Bächen und Flüssen ist prädestiniert für Energie aus dem Wasser. Das Mühlrad produziert nachhaltig Strom.

Heimatverbunden und ein Stück Identität

Über 500 Jahre war die Obere Mühle in Wertach in Betrieb. Sie gehörte dazu, wie die Kirche im Dorf. Jetzt soll die Mühle Kulturdenkmal, Ort der Begegnung und touristischer Anziehungspunkt werden. Nachhaltigkeit gilt eben auch für Erfahrung und Geschichte.

Obere Mühle Wertach: 3 x wahre Größe

Von den vielen „Oberen Mühlen“ in Deutschland, ist die Obere Mühle Wertach die höchstgelegene Mühle mit Mühlrad in der höchstgelegenen Marktgemeinde Deutschlands. Und in Wertach dreht sich auch das größte oberschlächtige Mühlrad im Oberallgäu. Das ist wahrlich viel Größe auf einem kleinen Fleckchen Erde. Und diese Info bleibt zumindest nachhaltig im Kopf.

Frisch, saisonal, regional – der Gemüseanbau

Lebendige Nahrung, die aus gesunden Böden kommt und zu 100% ökologisch angebaut wird und das direkt im Mühlen-Garten auf 920 Höhenmetern – so die Idee der Familie Ahlborn. Mehr Nachhaltigkeit geht nicht.

Solidarische Landwirtschaft in Wertach

Die Gärtnerei produziert nicht für den offenen Markt, sondern für eine feste Gruppe von Mitgliedern. Alle teilen sich die Verantwortung, das Risiko, die Kosten und natürlich die leckere Ernte mit intensivem Geschmackserlebnis aus zumeist alten, robusten Sorten. SeitAugust 2021 hält ein paar Anteile auch das hofeigene BIO Lädle.

Das Mühlrad dreht sich ….

… klappern tut sie aber nicht mehr. Dazu später mehr.

Das Rad ist echt groß! 7,5 m! Und es ist – entgegen dem ursprünglichen Mühlrad – aus Metall. Warum? Weil Holzräder sehr reperaturanfällig sind und fallende Eiszapfen aus 7,50 Meter Höhe schlecht wegstecken können. Das Material ist der Tribut an die Neuzeit. Die Obere Mühle Wertach dreht deshalb auch im Winter – mehr oder weniger ruhig – seine Runden.

Die Obere Mühle Wertach & die Technik

Anhand der Pläne von 1904 wird die oberschlächtige Mühle, mit modernem Sachverstand, wieder aufgebaut.  Das Wasser kommt aus der Starzlach und fließt erst durch das Tiroler Wehr. Dieses wurde speziell für Gebirgsbäche entwickelt und dient zur Wasserentnahme. Durch ein Druckrohr gelangt das Wasser nach 240m zum Mühlrad und steigt bis zum oberen Auslauf, da das Wehr auf der gleichen Höhe liegt. Das ist  ein hydrostatisches Gesetz und eigentlich auch egal, denn Hauptsache die Mühle dreht sich.

Für Mühlrad-Reparaturen und Wartungsarbeiten, braucht es eine Möglichkeit das Wasser zu stoppen. Spannende Technik und sehr beeindruckend, wie schnell das Riesen-Rad langsam wird, wieviel Wasser jetzt unten vorbei rauscht und wie zackig es wieder auf Geschwindigkeit kommt.

Übrigens: Das Rad erzeugt ca. 60.000 kW/h Strom im Jahr!

In der Oberen Mühle Wertach findet man noch jede Menge alter Mahl- oder Mühlsteine. Dazu ein originales 8m langes, noch funktionierendes Getriebe. Bin gespannt, was Holger damit noch anfängt. Ideen hat er ja zuhauf.

Und woher kommt jetzt das Klappern der Mühle (am rauschenden Bach)?

Das Getreide wurde beim Mahlvorgang mit einem Rüttelschuh auf dem Mahlstein verteilt. Diese Bewegung erzeugte das typische klappernde Geräusch einer Getreidemühle. Also merke: Ohne Mehl mahlen, kein klappern! Leider!

Bewegung ohne klappern, kann auch Franzi, der kleine, quirrlige Mühlen-Dackel.

Gemüsekisten in 100% BIO Qualität

Die Obere Mühle Wertach betreibt eine Gärtnerei. Eine besondere Gärtnerei. Eine Bioland zertifizierte Gärtnerei. Eine solidarische Landwirtschaft, um genau zu sein.

Das Prinzip „solidarische Landwirtschaft“

Verbraucher finanzieren landwirtschaftliche Produktion, anstatt ein landwirtschaftliches Produkt. Das heißt, eine Gruppe privater Haushalte übernimmt die Kosten für die Erzeugung des Gemüses und erhält im Gegenzug dafür die Ernte. Nichts geht nach außen in den freien Markt. Es ist ein ehrlicher und geschlossener Wirtschaftskreislauf. Diese Form der Kooperation nennt sich auch Gemeinschaftshof, Landwirtschaftsgemeinschaft oder Versorgungsgemeinschaft.

Solidarische Landwirtschaft in der Oberen Mühle Wertach

56 private Haushalte sind 2022 dabei. Diese Verbraucher erhalten jeden Freitag ihre BIO Gemüsekisten, frisch geerntet aus dem Garten der Oberen Mühle: Vom ersten Spinat über schmackhafte Tomaten, Salate, Gurken zu Wurzelgemüse, Kohl und Kräuter. Saisonale Vielfalt – was eben so alles wächst im Allgäu.

Für 2023 sind weitere Haushalte eingeladen mitzumachen. Jede Woche frisches biologisches Gemüse und das gute Gefühl von „sinnvoll“ genießen. Genau zu wissen, wo das Gemüse her kommt, und wie es produziert wird. Wenn Du dabei sein möchtest, dann findest Du den Link unten.

Solidarische Landwirtschaft heißt auch:

  • Teil einer unabhängigen Bio-Gemeinschaft zu sein
  • Umwelt schützen
  • Transportwege und Verpackungsmüll vermeiden
  • Beim Pflanzen und Ernten dabei sein (Darf, muß nicht!)
  • Wünsche beim Anbauplan einbringen
  • bei Info Abenden und Festen dabei sein.
  • Und sich in diesen schwierigen Zeiten seine hochwertigen Lebensmittel zu sichern.

Freiluft BIO Gemüse im Allgäu?!

Diese Herausforderung – immerhin befinden wir uns 920m über dem Meer – übernehmen engagiert die erfahrenen Gemüsegärtnerinnen Susann Sill und Josephine Gebhart. Mit ihrem Gespür für alles, was grünt und blüht, produzieren sie mit ihrem Team jetzt schon eine Vielfalt aus 38 Gemüsearten – und das auf relativ engem Raum.

Wie das funktioniert? Durch nachhaltigen Landbau mit Vier-Felder-Wirtschaft: Fruchtfolge und Fruchtwechsel. Das, was früher gang und gebe war und Jahrhunderte lang die Menschen ernährte, geriet nur in Vergessenheit, aber klappt auch heute.

Dazu kommt die Rückbesinnung auf ursprüngliche Gemüsesorten und das Ziehen eigener Sämlinge. Diese (meist zurückgezüchteten) Pflanzen sind robust, kräftig und geschmackvoll.

Der Anbau von Bio Gemüse im Allgäu in Verbindung mit der solidarischen Landwirtschaft ist keine ökologische Lebensphilosophie, sondern es ist ein Zukunftsmodell.

Obere Mühle Wertach: Die Vision

Vision heißt,
dass die Zukunft der Gegenwart
ihre Visitenkarte in die Hand drückt.

(Thom Renzi)

Ein Ort der Begegnung, Tradition, Solidarität und Nachhaltigkeit im Einklang mit der Natur – das Mühlenkonzept der Familie Ahlborn ist eine Vision, die sichtbare Formen annimmt. Die Obere Mühle Wertach entwickelt sich ….

  • Visuell – durch das imposante Mühlrad
  • Kulinarisch – durch die BIO Gemüsekiste und das BIO Lädle
  • Sozial – durch Feste und Veranstaltungen
  • Kulturell – vielleicht durch ein Mühlenmuseum? Wer weiß schon, welche Visionen in Wertach noch Realität werden.

Ein ähnliches Engagement in der Region kenn ich nur von der IG OMa am Bahnhof Martinszell. Kennst Du noch andere Initiativen, die nachhaltig sind, sich rechnen und die Menschen mitnehmen?

Quintessenz

Die Wertacher Müller sind Ideendenker und Umsetzer.
Die obere Mühle Wertach hat wirklich auf diese zwei Menschen gewartet.

 

Das „Neu-Denken“ von traditionellen Strukturen und Werten
passt zu uns Allgäuern. Weiter so!

Weiterführende Informationen

Zur Homepage der Oberen Mühle Wertach: Hier!
Marktgemeinde Wertach: Da entlang!
Solidarische Landwirtschaft: Infopool

Herzlichen Dank an Uschi & Holger Ahlborn
für die geballte Informationsflut
über Mühlen und Visionen.

Dieser Text wurde unabhängig recherchiert.
Es bestand kein Auftrag. Es wurde nichts bezahlt.
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