Storytelling für das Allgäu

Im Oberallgäu thront auf einer Kuppe zwischen Kimratshofen und Frauenzell der Weiler Gschnaidt. Dieser Wallfahrtsort besteht im wesentlichen aus 2 Kapellen, einem Gasthof, einem Wohngebäude und einigen Schuppen und Nebengebäuden. Dies allein ist nun nicht besonders spektakulär, wäre da nicht eine Kuriosität, die es so vermutlich kein zweites Mal mehr gibt. Der Wald, der stillen Grabkreuze. Das Gschnaidt!

Das Gschnaidt ist ein friedvoller Ort

Die beiden Kapellen, die in Gschnaidt erbaut wurden, sind Ziel zahlreicher Wallfahrten, aber auch Stätten innerer Einkehr. Sehr viele Wünsche von Menschen, die für sich oder ihre Liebsten etwas erbitten, säumen die Wände.

Es liegt eine eigenartige Stille und ein ruhiger Frieden über diesem Ort und lädt damit zur inneren Einkehr und Besinnung auf. Wenn man die unterschiedlichsten Bitten und Wünsche der Menschen mit ihren Sorgen und Nöten liest, wird man sehr schnell demütig und dankbar für alles Gute was man selber erfährt. Ich habe eine Kerze für meine Liebsten angezündet.

Kapellen im Gschnaidt

Kapellen im Gschnaidt / Bildquelle: MA, Foto: Roland Popp

Wünsche auf einem Zettel im Gschnaidt

Wunschzettel an Maria, Gott oder das Universum / Bildquelle: MA, Foto: Roland Popp

Geschichten & Sagen

Wie kann es anders sein, ranken sich natürlich auch um den Wallfahrtsort Gschnaidt zahlreiche Geschichten und Sagen.

Ein Eremit in der Adelegg

Eine davon handelt von einem Kemptener Klosterbruder, weit vor der Reformation. Ihn zog es in diese Einöde in der Adelegg, wo er viele Jahre unter freiem Himmel im Einklang mit der Natur lebte. Nach Jahren der Einsiedelei traf ein ehemaliger Klosterbruder auf ihn und berichtete Spannendes aus der Welt da draußen. Aber der Eremit wollte nicht fort aus seiner Einsamkeit in der Wildnis der Adelegg. Er bat seinen Klosterbruder, ihn irgendwann wieder zu besuchen. Als der Bruder schließlich wiederkam, fand er den Einsiedler verstorben. Beim Versuch, den Leichnam zur Bestattung ins Tal zu bringen, kehrten die Pferde jedoch immer wieder um und strebten dem Hügel entgegen. So begrub man schließlich den Einsiedler dort oben, wo heute die Kapellen stehen. Im Gschnaidt.

Spuren im Schnee

Eine weitere Sage berichtet von merkwürdigen Schriften und Zeichen im Schnee im Winter 1845. Da kein Mensch oder Tier zu sehen war, schrieb man das Ganze übernatürlichen Mächten zu. Vielleicht entstand der Name des Ortes auch aus diesem Ereignis (gschneit – Gschnaidt).

Kapellen, Wegkreuze, MArterln in Gschnaidt

Still, ruhig, magisch: das Gschnaidt / Bildquelle: MA, Foto: Roland Popp

Gschnaidt – der Wald der hölzernen Grabkreuze

Ein letzte Ruhestätte

Schon seit vielen Jahren sammeln sich im Waldstück um die Kapellen, die hölzernen Grabkreuze der Verstorbenen. Es müssen wohl Hunderte dieser Kreuze sein, die dort zu Haufe aufgestellt sind.

Zartbesaiteten Naturen mag dieser Anblick einen Schauer den Rücken runterjagen. Ich persönlich finde den Anblick beruhigend und vielleicht auch etwas tröstlich ermutigendes.

Abgesehen davon, dass viele nicht wissen, was sie mit dem provisorischen Grabkreuz später machen sollen (wegwerfen sei pietätlos und mit nach Hause nehmen irgendwie gruselig), findet hier über alle Stände und Zeiten hinweg die Erinnerung an geliebte Menschen eine Heimat. Es ergibt sich fast eine neue Gemeinschaft von Menschen im Tode, die sich untereinander im Leben in weiten Zügen nicht gekannt haben. So dauert das Leben im Tode fort.

Einfach anlehnen ….

Ist ein lieber Mensch verstorben, dann hilft anlehnen richtig viel. Anlehnen an einer starken Schulter. Einfach mal loslassen können.

Ist das Anlehnen eine Methapher?

Wenn Du ein Kreuz hast, dann lehn es an einen Baum, oder an die anderen Grabkreuze an. Einfach so. Es ist auch einwenig „vertrauensvoll loslassen“ können.

Grabkreuze in Gschnaidt

Der Wald der hölzernen Kreuze / Bildquelle: MA, Foto: Roland Popp

Gschnaidt - Wald der Kreuze

Und es sind richtig viele / Bildquelle: MA, Foto: Roland Popp

Fidel bei den Grabkreuzen

Eine schöne Idee, hier im Gschnaidt/ Bildquelle: MA, Foto: Roland Popp

Eine heilende Quelle

… und eine Passion

Im Wald unterhalb des Gschnaidter Hügels liegt eine Quelle, der bei Augenleiden heilende Wirkung nachgesagt wird. Es ist wohl auch die Quelle, die in der Sage vom Einsiedler erwähnt wird, als „Lab für den dürstenden Eremiten“.

Hier beginnt  auch eine beeindruckende Passion – ein Kreuzweg, der den steil ansteigenden Stufen des Weges hinauf nach Gschnaidt folgt und in 12 Stationen den Leidensweg Christi nachzeichnet. Er endet an den Kapellen und ist – auch für Nichtgläubige – absolut sehenswert.  

Ganz weltlich in Gschnaidt

Speisen im Kreuz

Der Gasthof zum Kreuz (Nomen scheint Omen zu sein) liegt direkt an der Straße in Gschnaidt und ist meist sehr gut besucht. Dies liegt sicher an der einerseits guten Küche und zum anderen auch an den außerordentlich freundlichen Betreibern. Neben Brotzeiten aber auch echten saisonalen Schmankerln gibt es super leckere hausgemachte Kuchen, so dass keiner hungrig vom Tisch geht.

Ob nun Ausgangspunkt einer Wanderung auf ausgeschilderten weitläufigen Wanderrouten oder aber Ziel nach einer Fahrrad-, Motorrad- oder Cabriotour – das Gasthaus zum Kreuz ist genau die richtige Lokalität.

Aber Achtung – beherrscht wird die Lokalität von einem Kater, der weder Mensch noch Hund fürchtet. Wie mir glaubhaft von der Betreiberin des Gasthauses versichert wurde, ist er der heimliche Herrscher in Gschnaidt.

 

Merken

Merken

Ob man jetzt katholisch, evangelisch oder kreuz und quer getupft ist, das Gschnaidt strahlt erhabene Würde aus.

Quintessenz

Ein Besuch in Gschnaidt lohnt sich allemal,
ob man nun aus gläubigen Motiven hierherkommt,
auf den Spuren von Allgäuer Sagen ist
oder auch nur nach einem Spaziergang Leib und Seele im Gasthaus Kreuz erfrischen möchte.

Ich denke, an diesem Ort der Besinnung und Einkehr
(im wahrsten Sinne des Wortes)
findet jeder sein Ziel und erlebt ein paar Stunden, an die er sicher gern zurückdenkt.

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