Storytelling für das Allgäu

Warum Berge faszinieren: Gipfel des Glücks

Jeder Höhenmeter, den man im Allgäu erklimmt, verändert den Blick auf die Welt. Berge faszinieren. Warum es klüger ist aufzusteigen, als im Tal spazieren zu gehen und was oben anders ist als unten – eine Spurensuche von Steffi Böck

Oben wird es still im Allgäu. Mit jedem Schritt stemmen sich Wanderer den Allgäuer Gipfeln entgegen – raus aus dem Alltag. Sorgen streifen sie an den sattgrünen Wiesen ab. Dabei tauchen sie ein in die Welt der schwindelnden Höhen.

Die Sache mit den Höhenmetern

Oben ist alles anders als unten. Stiller. Weiter. Echter. Spätestens, wenn der Abgrund bedrohlich nahe an die Route rückt, ist der Mensch bei sich. Je nach Höhenmeter und Wegbreite mit mehr oder weniger Herzklopfen. Die Messung einer Stelle bis zum Meeresspiegel (Normalnull) ist für viele mehr als eine schlichte Angabe. Höhenmeter entscheiden über Triumph oder Niederlage. Über Ziel erreicht und Trainigseffekt. Zählt man alles zusammen, lässt sich messen, wie fit und mutig Menschen sind.

Für die meisten Länder in Europa wurde der Bezugspunkt für die Höhenmeterangabe 1819 in Amsterdam definiert und 1872 eingeführt. Die niederländischen Wissenschaftler wollten damit eine Standardisierung für geographische Messungen herstellen. Heute zeigen sie als bunte Linien in Wanderkarten an, wo es mühsam und bedrohlich wird.

Bergwandern - die Höhe bestimmt Triumph oder Niederlage

Fit und trittfest, egal wie weit über Normalnull. / FQ: Canva, MAG Allg

Faszinierend: Bäumchen wechsel dich

Was nicht auf Wanderkarten vermerkt ist, ist die Baumgrenze. Wenn die Pflanzen immer zäher, die Sträucher immer flacher und die Bäume immer weniger werden. Hier kommt die Natur ans Limit. Hier lebt nur, was genügsam oder pfiffig ist. Bäume geben bei uns im Allgäu zwischen 1800 und 2100 Metern auf. Über dieser Höhe gibt es neben Sträuchern (Zwergwacholder) nur noch sogenanntes Krummholz (Latschen-Kiefer), das die Schneelast im Winter wegsteckt.

Ab 2500 Metern (Schwellenhöhe) findet man vereinzelt Alpenglöckchen. Nach 500 weiteren Höhenmeter spitzeln zwischen Schotter und Geröll nur noch Gletscherhahenfuß und Steinbrech hervor – sofern das Eis den Boden freigibt. In hohen Höhen trifft man dazwischen die zähesten Tiere der europäischen Natur: Steinadler und Gemsen haben sich in den Alpen optimal an die Verhältnisse in den luftigen Höhen angepasst. Auch der Alpensalamander und das Murmeltier kommen mit den langen Wintern und den tiefen Temperaturen gut zurecht. Ein besonderes Schauspiel bieten die jungen Steinböcke, die über Rasenflächen toben.

Wie ist das mit der Baumgrenze woanders?

Kurios: Die Baumgrenze ist auf der ganzen Welt verschieden. Im Himalaja wachsen noch auf rund 4400 Metern Höhe stattliche Bäume. In Patagonien (Feuerland) wird die Vegetation schon ab 300 Höhenmetern zum Gebüsch. „Ausschlaggebend ist nicht die Höhe, sondern das Klima“, erklärt Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein. Er leitet die Abteilung Breitensport und ist seit 25 Jahren aktiv in den Bergen unterwegs.

Alpenglöckchen oberhalb der Baumgrenze

Alpenglöckchen oberhalb der Baumgrenze. / FQ: Canva, MAG Allg

Neugieriger Steinbock in den faszinierenden bergen

Neugierig, der junge Steinbock. / FQ: Canva, MAG Allg

Berge faszinieren & die Höhe schlaucht

Stefan Winter weiß, dass Kälte, Luftfeuchtigkeit, Wind und nicht zuletzt die Nährstoffe im Boden entscheiden, wo noch Bäume wachsen und wo nicht. Er kennt auch die Risiken für den Menschen, die mit hohen Höhen verbunden sind. Wer sich im Stemmschritt über Felsbrocken und Absätze nach oben schiebt, der spürt ganz schnell vor allem eins: das Herz. Von Motivation und Neugier getrieben, die nächste Anhöhe zu erklimmen, schnauft und japst sich mancher empor.

Oben ist die Luft dünn

Schuld daran ist nicht allein die schlechte Kondition. Der Atem geht schneller, weil die Höhe Druck auf den Körper ausübt. Manche Menschen passen sich nur schwer an diesen Zustand an. Sie bekommen Kopfweh, ihnen wird schwindelig, sie haben keinen Appetit. Der Punkt, an dem sich alles ändert, liegt bei etwa 2500 Metern – bei der sogenannten Schwellenhöhe. Im Volksmund wird die Luft hier dünn.

Physikalisch gesehen verringert sich der Sauerstoffpartialdruck (Luftdruck). Durch das sinkende Gewicht der Luft, das auf den Körper wirkt, lassen die Membranen weniger Sauerstoff hindurch. Der Körper versucht dies auszugleichen: durch eine höhere Herzfrequenz und einen schnelleren Atemrhythmus.

Bergwandern oberhalb der Baumgrenze

Pause fast oben. / FQ: Canva, MAG Allg

Beim Bergwandern den Körper fit kriegen

Dabei lernt der menschliche Organismus schnell: Nach einigen Tagen vermehren sich die roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Sie sind die Träger für den Sauerstoff und versorgen die Organe nach Bedarf. Je mehr rote Blutkörperchen in den Bahnen schwimmen, umso mehr Sauerstoff kann der Körper binden, umso fitter fühlt sich der Mensch. Die Leistung steigt. Spitzensportler machen sich diesen Effekt sogar in künstlich erzeugten Höhenkammern zunutze. „Allerdings setzt der Effekt erst nach etwa zwei Wochen ein“, sagt Winter. Für Breitensportler lohne sich dieser Aufwand kaum.

Unten schlafen, oben wandern

Besonders schade: Der Körper kann die Information nicht speichern. „Sie müssen die roten Blutkörperchen immer wieder von neuem aufbauen“, sagt Winter. Sein Tipp: „Unten schlafen, oben wandern ist ideal.“ Der Körper brauche niedrige Höhen zur Erholung. Außerdem sind nicht mehr als 1000 Höhenmeter pro Tag zu empfehlen. Alles andere führe zu größeren Beschwerden. Ab 5000 Metern würde es für manche Menschen sogar lebensgefährlich: Wassereinlagerungen in Gehirn und Lunge (Höhenödeme) können zu schweren Erkrankungen oder sogar zum Tod führen. Warnsignale seien hierfür zum Beispiel starker Schwindel.

 

Auf den Bergen oben kocht Wasser früher, als im Tal

Die meisten Menschen plagen aber nicht die gefährlichen, sondern eher die lästigen Dinge: trockene Luft und Eiseskälte. Pro 100 Höhenmeter Aufstieg sinkt die Temperatur um etwa 1 Grad Celsius. Verblüffend: Wasser kocht trotzdem früher als im Tal. Weil die Atome weniger Energie zum Entweichen benötigen (aus „Physik in der Berghütte“ von James Trefil), erreicht das Wasser gar nie 100 Grad. Kurz: Je höher der Kochtopf auf dem Feuer steht, umso früher fängt es an zu sprudeln – weil weniger Gewicht der Luft (Luftdruck) auf dem Wasser lastet.

Was das Teekochen einfacher macht, ist häufig unangenehm für die Ohren. Wird es steil, hören Bergfans ihre Umgebung nur noch dumpf. Die Ohren fallen zu. „Vor allem bei schnellen Ortswechseln wie in einer Seilbahn oder beim Skifahren passiert das häufig“, sagt Stefan Winter. Das Gefälle setzt den Nasen-Rachen-Raum mit den Stirn- und den Nebenhöhlen unter Druck. Das Trommelfell wird nach Innen oder nach Außen gedehnt. Das erzeugt ein unangenehmes Gefühl. „Dann hilft nur noch Gähnen oder Schlucken“, verrät Winter einen alten Trick, der meistens funktioniert, weil er Luft durch die Kanäle drückt, die das Trommelfell wieder gerade rückt.

Wasser kocht in den Bergen schneller

Mal schnell nen Tee kochen – oben gehts zackiger / Foto: MAG Allg

Sport & Berge faszinieren uns

Immer gut für den Körper ist Trinken – besonders aber in den Bergen. „Viele haben in höheren Lagen mehr Durst“, sagt Stefan Winter. Schuld daran ist die trockene Luft und freilich der Ausdauersport. Je nach Aktivität sorgt die Haut über den Schweiß für den entsprechenden Temperaturausgleich.

Knieschwammerl bergab

Weniger schweißtreibend, aber wahr: Für die Muskulatur ist bergab anstrengender als bergauf. „Die nachgebende Bewegung gegen die Erdanziehungskraft ist sehr schwierig auszugleichen“, sagt Stefan Winter. Den Effekt, der sich nach einiger Zeit beim Abstieg einstellt, nennt er ganz bayerisch „Knieschwammerl“.

Die Schräglage macht den Unterschied

Ohne Schwammerl und mit Sandalen ist Wandern nur im Flachland möglich. Sobald der Untergrund schräg wird, halten Bergstiefel Bänder und Knöchel stabil. Wird es richtig steil, spricht man von Klettern: „Wenn die Wand senkrecht oder gar ein Überhang ist und man ohne Hände nicht vorwärtskommt“, liefert Stefan Winter die Definition. Übrigens: An Eiswänden ist aufrechtes Stehen bereits ab einer Neigung von 70 Grad nicht mehr möglich. Normal Wandern geht bis zu einer Neigung von 45 bis 50 Grad. Umgekehrt sind beim Skifahren Pisten mit 40 Grad ausgesprochen steil und mit Sicherheit unter den schwarzen Abfahrten zu finden.

Das richtige Schuhwerk in den Bergen

Anständiges Schuhwerk ist Pflicht / Foto: MAG Allg

Berge faszinieren: Ein gewaltiges Naturerleben

Egal ob Ski, Schneeschuh oder Wanderstiefel: Sport in den Bergen ist gesund. Zwar nicht gesünder als der Sport im Flachen, aber es birgt einen Nebeneffekt, der nicht zu unterschätzen ist: den psychologischen.

Kulturwissenschaftlerin und Trendforscherin Kristine Fratz aus Hamburg weiß warum oben wandern sinnvoll ist:

„Weil uns das Erlebnis der Anstrengung sicher ist. Und nach dem Kraftaufwand erfährt man das Ereignis des Weitblicks. Die Kombination von körperlichem Einsatz und gewaltigem Naturerleben befriedet das Gemüt.“

Der Weg ist das Ziel

Zum Abenteuer, das sich an Wanderwegen entlang von Steilhängen bietet, kommt also ein tiefes Grundbedürfnis des modernen Menschen: Ziel stecken und Ziel erreichen. Klarer als ein Berggipfel kann ein Ziel kaum sein. Vielleicht wird es deshalb still um alle, die sich auf den Weg nach oben machen. Hier gibt es nichts zu diskutieren. Der Weg ist das Ziel. Und da macht jeder Höhenmeter happy.

Weitblick beim wandern: Berge faszinieren

Zufriedener Weitblick / Foto: MAG Allg

Berge faszinieren extrem: Höher geht’s nicht

  • Der höchste Berg der Erde ist der Mount Everest mit 8848 Metern.
  • Der höchste Berg des Sonnensystems ist der Mons Olympus auf dem Jupiter mit 26,5 Kilometern Höhe.
  • Der höchste unbestiegene Berg ist der Gangkar in China (Puensum). Er ist 7570 Meter hoch und liegt bisher unzugänglich in einer Bergkette.
  • Der höchste Berg gemessen vom Erdmittelpunkt misst 6384 Meter und heißt Chimborazzo (Äquador).
  • Weil die Erde nicht ganz rund ist, misst der Mount Everest vom Erdmittelpunkt nur 6382 Meter.
  • Die höchste postialische Adresse liegt in Chile auf 5600 Metern Höhe in Chupiquinamine.
  • Die höchste Seilbahn wurde in Indien gebaut. Sie bringt Skifahrer auf 4390 Meter über den Meeresspiegel.

 

  • Der höchste Berg der Allgäuer Alpen ist der Große Krottenkopf mit seinen 2.656 Metern.
  • Der höchste Berg der Allgäuer Alpen, der ganz auf deutschem Boden liegt, ist die Trettach (2595 m). Sie bildet zusammen mit der Mädelegabel (2645 m) und der Hochfrottspitze (2649 m) den sogenannten Hauptkamm der Allgäuer Alpen.

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